Was ich über Schwangerschaft zu wissen glaubte und anderer Mumpitz

Ich war eigentlich schon immer der Ansicht, recht klug zu sein, meine Einstellungen zu reflektieren und darum auch gute Entscheidungen zu treffen. Im Laufe meines Lebens stellte ich ich rückblickend häufiger fest, dass das nicht so ganz stimmte. Und einer der Bereiche, die mir das im Moment am deutlichsten vor Augen führen, ist der Bereich Schwangerschaft.

Früher dachte ich, wenn ich dazu bereit bin, Kinder zu bekommen, würde ich das merken, weil ich Kinder dann total toll finden würde. Sie ständig knuddeln und wuddeln wollen würde. Wer mich kennt, weiß allerdings, dass ich mit Kindern zwar durchaus umgehen kann, aber weder ihre Nähe suche noch besonders quietsichig reagiere, wenn ein (nach Beschreibung anderer Menschen) „süßes“ Kind in meiner Nähe ist. Ich finde Kinder als kleine Menschen ganz interessant. Aber nicht eben süß.

Früher war ich mir sicher, dass der Zeitpunkt irgendwann perfekt wäre. Irgendwann hätte ich einen Job, in dem das Firmenklima kinderfreundlich wäre. Irgendwann hätte ich einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Eine feste Partnerschaft wäre nicht schlecht, ja. Und eine Wohnung in guter Lage, die noch ein bisschen Platz hat. Manchmal stimmten einige Faktoren, manchmal andere. Und der perfekte Zeitpunkt kam nicht. Ich wurde älter, und als ich wusste, dass Kinder für mich schon ok wären, kam der Zeitpunkt – immer noch nicht.

Früher dachte ich auch, dass schwanger werden total easy sei. Weil es ja dauernd irgendwelchen Menschen aus Versehen passiert. Als ich begann, mich in das Thema Schwangerschaft und insbesondere schwanger werden einzulesen, lernte ich, dass das bei weitem nicht der Realität entsprach, schon gar nicht in meinem (für die Familienplanung) fortgeschrittenen Alter.

Ich bin froh, dass ich inzwischen mehr Informationen habe und mich von einigen merkwürdigen, fast schon romantisierenden Ansichten trennen konnte. Ich bin froh, denn sonst wäre der Zug vielleicht bald abgefahren gewesen.

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Übel, übel, übel.

Es heißt, Schwangerschaftsübelkeit gebe Hinweise auf eine gut verlaufende Schwangerschaft und ein geringeres Risiko, den Embryo zu verlieren. Ich muss zugeben, der Trost hält sich für mich aktuell in Grenzen. Ich habe mich zwar noch nicht übergeben müssen, aber quasi seit dem Tag der Einnistung begleitet mich fast ständig eine leichte Übelkeit. Nein, keine Hyperemesis Gravidarum. Zum Glück!

Trotzdem fällt mir das Essen schwer, und das Nichtessen auch. Ein leerer Magen ist nicht gut, ein voller Magen auch nicht. Und es hilft nicht, dass mir beim Geruch vieler Speisen noch schlechter wird.

Was also tun? Ich bin etwas ratlos. Ich versuche, regelmäßig kleine Portionen zu essen, sobald die Übelkeit nachlässt. Ich esse nur, worauf ich wirklich Lust habe, was derzeit vor allem saure Dinge wie grüne Oliven oder säuerliche Brotaufstriche sind. Und Senf.

Das hilft immerhin etwas. Und irgendwann demnächst soll diese dauernde Übelkeit ja auch aufhören. Drückt mir die Daumen.

Schwanger werden: Science to the Rescue!

Ich begann irgendwann Anfang 2014, mich zaghaft in das Thema Schwangerschaft einzulesen. Zaghaft deshalb, weil ich bei der Recherche insbesondere im deutschsprachigen Raum  unweigerlich auf das stieß, was ich als „rosa-Blümchen-Küken-Heititei“ bezeichnen möchte. Die Unmenge deutschsprachiger Seiten zu dem Thema zeichneten sich aber nicht allein durch geschmacklose Farbgebung und ein Design aus, über das sich Webseitenklemptner*innen 1996 schon nicht mehr gefreut hätte, sondern auch durch auf den ersten Blick äußerst krude Diskussionen.

Ich bin Wissenschaftlerin. Und als Wissenschaftlerin finde ich nicht nur mein eigenes Fachgebiet spannend, sondern grundsätzlich alle Wissenschaften. Daher war ich sehr entzückt, als ich feststellte: Wenn ich den deutschsprachigen Raum verlasse, gibt es zum Thema Schwangerschaft tatsächlich einen Haufen Forschung! Daten! \o/

Allerdings nicht im deutschsprachigen Internet, denn hier ist Schwangerschaft aufgeladen mit Stereotypen von glücklichen Stay-at-home-Moms, die zwei Jahre lang stillen und auch nach der voll genommenen Elternzeit nicht in ihren Beruf zurückkehren. Denn Kinder sind ja Glück!
Ich seufze.

Achja, das „deutsche Internet„.

Wissenschaft, hilf mir!

Aber zum Glück besteht das Internet ja nicht nur aus deutschsprachigen Seiten. Und so fand ich einige erfrischend feministische, wissenschaftlich fundierte Webseiten und Blogs, die Infos zum Schwangerwerden und Schwangersein boten. Ohne rosa. Ohne Heititei. Ohne Stereotype.

Und die brauchte ich. Denn schwanger werden wird spätestens ab dem 35. Lebensjahr schwieriger. Liegt die Chance für eine erfolgreiche Befruchtung und Implantation im Uterus in den fruchtbarsten Jahren bei idealem Sex-Timing schon bei nur rund 20%, sinkt diese Chance mit zunehmendem Lebensalter der Beteiligten. Und zwar nicht nur der Uterusträger*in.

Mit Mitte 30 liegt die Chance, schwanger zu werden, pro Zyklus bei gerade einmal 10%. Und sie sinkt rapide weiter. Jetzt noch eben schnell mal schwanger zu werden, dazu muss ganz plötzlich alles stimmen.

Mythen über den weiblichen* Zyklus

Der erste Schritt ist meiner Meinung nach, den eigenen Zyklus genau kennen zu lernen. Denn das, das wir im Aufklärungsunterricht über den weiblichen* Zyklus gelernt haben, ist meist eine krude Vereinfachung der Tatsachen. Der sogenannte „normale“ Zyklus, der 28 Tage dauert und in dessen Mitte (wie praktisch!) der Eisprung statt findet, ist für viele Uterusmenschen nicht die Realität. Und sobald der Zyklus länger oder kürzer dauert, stellt sich die Frage: Wann springt nun das Ei? Denn diese Frage beantwortet auch die Frage nach den fruchtbaren Tagen im Zyklus.

Long story short: Der Eisprung findet so ungefähr 14 Tage vor Beginn der Menstruation statt. Dabei handelt es sich aber nur um einen Richtwert, denn viele Uterusmenschen haben eine Lutealphase (auch Gelbkörperphase oder zweite Zyklushälfte), die davon abweicht. So ist das mit der Statistik eben: Für viele stimmt der statistische Mittelwert. Und für viele nicht.

Temperatur. und Schleim.

Beispiel einer Basaltemperaturkurve bei fertilityfriend.com

Da hilft es also, zu wissen, wie der eigene Zyklus so aussieht, wann der eigene Eisprung im Zyklus statt findet und wie man das erkennen kann. Hierfür bietet sich die Methode der Basaltemperaturmessung und Schleimbeobachtung an. Mit Hilfe der Basaltemperatur, also der Körpertemperatur direkt nach dem Aufwachen, lässt sich der Tag des Eisprungs feststellen, weil durch die hormonelle Veränderungen durch den Eisprung die Temperatur um einige Zehntelgrade ansteigt. Der Cervixschleim hilft ebenfalls: Ist er klar wie Eiweiß und zieht Fäden, steht der Eisprung kurz bevor oder findet gerade statt.

Erweiterte Auswertung bei fertilityfriend.com

Ich habe diese Symptome protokolliert, in mehreren Webanwendungen und in meiner normalen Menstruationstracking-App OvuView (die ohnehin ganz toll ist und die ich jedem Uterusmenschen ans Herz legen will!). Die beiden mit Abstand besten Webapps sind meiner Meinung nach das BBT-Chart-Tool von countdown to pregnancy, sowie die Seite fertilityfriend. Beide bieten die Möglichkeit, neben Basaltemperatur und Schleim auszuwerten auch weitere Symptome zu tracken. Und beide erlauben es, die individuellen Symptome, die möglicherweise Hinweise auf eine bestehende frühe Schwangerschaft geben, hinterher mit den Symptomen schwangerer Menschen zu vergleichen, deren Daten in der Datenbank schlummern.

Wahrscheinlichkeit für das Symptom "milde Krämpfe / Druckgefühl im Bauch" von countdown to pregnancy

Wahrscheinlichkeit für das Symptom „milde Krämpfe / Druckgefühl im Bauch“ von countdown to pregnancy

Fertilityfriend ist dabei die weitaus hässlichere, aber viel, viel mächtigere Seite. Und: Premiumfeatures wie die Berechnung der relativen Wahrscheinlichkeit, schwanger zu sein, kosten nach 30 Tagen Geld.

Countdown to pregnancy ermöglicht ebenfalls einen Vergleich der eigenen Symptome mit denen anderer Uterusmenschen, allerdings weniger ausgefeilt und nicht in Kombination miteinander. Dafür erfreut die übersichtliche grafische Darstellung der berichteten Symptome. Oh, und die Nutzung der Seite ist kostenlos.

Schwangerschaftstests interpretieren als Communityarbeit

Countdown to pregnancy bietet noch einige weitere sehr coole Tools an: Es gibt einen (statistisch fundierten) Ratgeber, wann welche Schwangerschaftstest-Marke (leider v.a. US-Marken) wie sichere Ergebnisse liefert, und wenn der Schwangerschaftstest besonders unklar ausfällt, hilft die Community bei der Ergebnisinterpretation. Denn die Interpretation von Schwangerschaftstests ist sehr viel schwieriger, als man gemeinhin so glauben könnte. „Schwangerschaftsorakel“ wäre meiner Meinung nach in den meisten Fällen eine treffendere Bezeichnung, insbesondere bei den blauen Tests (die in der Community auch keinen besonders guten Ruf haben).

Ich hätte mich gern eine längere Zeit mit meiner Basaltemperatur beschäftigt – aber leider habe ich meinen Zyklus nur einen Monat lang ordentlich und penibel aufgeschrieben. Denn nach diesem Monat war ich schwanger. 😉

Wie ich trotz unserer anachronistischen Gesellschaft doch noch Schwanger wurde

Ich bin 35. Ich bin kinderlos. Ich bin Akademikerin, schreibe meine Dissertation, arbeite seit über 5 Jahren in der Forschung.

Und jetzt neu: Ich bin schwanger.

Schwanger werden? In dieser Gesellschaft?

Ich dachte, ich hätte ewig Zeit. Natürlich war mir klar, dass mich irgendwann die Zeit in Form der Menopause einholen würde, aber das erst mit 50. Oder noch später. Mir ist meine Arbeit, mein berufliches Vorankommen wichtig, und ein Kind gilt da als die ultimative Bremse. Für Väter weniger als für Mütter, versteht sich, denn in unserer ungleichen Welt gehen trotz finanzieller Anreize vom Staat Männer nicht nur wesentlich kürzer, sondern auch insgesamt seltener überhaupt in Elternzeit: 80% bleiben 2 Monate oder weniger zuhause. Im Umkehrschluss heißt das: Mütter bleiben zu 80% 10 Monate oder länger an Kind und Küche gebunden und können sich in der Zeit die Karriere an den Hut stecken. Während Papa die Benefits seiner karriereförderlichen Mini-Elternzeit einstreicht, bleibt Mama oft zu Hause und pfeift auf die Karriere – oder wird von der Karriere gepfiffen.

Ich habe das Glück, eine gleichberechtigte Beziehung führen zu dürfen. Geschlechtsstereotype spielen bei uns keine Rolle, im Gegenteil: Wir arbeiten beide daran, sie aktiv aufzulösen. Daher ist für uns auch klar: Wenn es sich einrichten lässt, werden wir uns die Elternzeit gerecht teilen, werden uns beide um das Kind kümmern. Aber das Kind austragen, das ist biologisch nur mir möglich.

Mein Körper, meine Entscheidung

Ich muss zugeben, die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen. Ich schätze es, Dinge unter Kontrolle zu haben, auch meinen Körper. Ich treibe gerne Sport, wenn auch nicht exzessiv, und ich habe gelernt, mich so zu akzeptieren, wie ich bin. Ich hatte – und habe – Angst vor dem Verlust der Kontrolle über meine Physis und zum Teil auch über meine Psyche in der Schwangerschaft. Das mag für andere trivial sein, für mich ist es das nicht. Ich hatte nie einen „naturlichen“ Bezug zu Schwangerschaft und Geburt: Freundinnen, die Kinder bekamen, entfremdeten sich schnell von mir, weil ich mit Kindern nicht viel anfangen konnte und nie zur „Oh-nein-ist-das-süß-gutzigutzigu!“-Fraktion gehörte. Ich bin ein rationaler Mensch.

Auf der anderen Seite gibt es auch rationale Gründe für ein Kind: Auch, wenn ich kleine Kinder nicht sonderlich mag, finde ich die Entwicklung von Kindern, gerade, wenn sie etwas älter sind, recht interessant. Ich finde auch den Gedanken schön, meine Gene und die meines Liebsten lustig zu kombinieren und daraus ein menschliches Leben zu züchten. Und mir gefällt die Vorstellung, dass dieses neue Leben ganz neu anfangen kann.

Und nicht zuletzt würde mich die Aussicht darauf, im Alter nicht mehr zu haben als nur meine Arbeit, traurig machen. Wie schon gesagt, meine Arbeit gehört zu mir, mir ist es wichtig, durch meine Arbeit einen relevanten Teil zur Gesellschaft beizutragen – aber irgendwann ist das rum.

Als mir klar wurde, dass mein Lebensentwurf implizit schon immer Kinder vorgesehen hatte, wurde es etwas einfacher. Für mich war wichtig, dass ich genug Zeit hatte, meine Entscheidung zu treffen. Ich habe mich von meinem Liebsten nie unter Druck gesetzt gefühlt, und ich glaube, nur so konnte ich mich letzten Endes für den Versuch, schwanger zu werden, entscheiden.