Der lange Weg ins 2. Trimester

Irgendwie dachte ich, dass der Unterschied zwischen 1. und 2. Trimester drastischer ausfallen würde. Deutlicher. Immerhin berichten alle möglichen Ratgeber davon, dass in Trimester 1 alles so und so ist, und im 2. Trimester dann plötzlich alles ganz anders. Aber natürlich – Pustekuchen. Ich weiß gar nicht, wieso ich immer wieder auf diese von Menschen gemachten Einteilungen hereinfalle. Halt, doch – ich weiß es doch. Alles sieht so schön einfach und ordentlich aus, so glatt und leicht zu verstehen. So, wie es eben gerade nicht ist.

Ich schlittere jetzt seit ein paar Wochen laaaangsam ins 2. Trimester hinein. Inzwischen ist mir seltener übel, ich schlafe weniger spät ein und häufiger durch. Inzwischen sieht, wer mich kennt, einen kleinen Bauch, und wenn ich entspannt daliege, kann ich den Uterus deutlich durch die Bauchdecke tasten. Ich schwanke zwischen „Ach, wie abgefahren, dass mein Körper sowas kann!“ und „Urgh, stahp! Ich hab dich nicht gebeten, dich so zu verhalten, y u do so, body?!“

Geduld, Geduld

Überhaupt ist dieses Schwangersein eine ziemliche Geduldsprobe für mich. Ich weiß ja nicht, wie andere Menschen das aushalten, aber ich habe diese 16 Wochen als ziemlich lang empfunden, in denen ich keinen Weichkäse essen durfte, keinen Rohmilchkäse, keine kalt geräucherte tierische Produkte, kein Sushi. Wer mich kennt, weiß, welches Ausbund an Geduld ich bin (und lacht an dieser Stelle laut wegen des offensichtlichen Sarkasmus‘). Ich habe aus lauter „Hier geht gar nichts voran, dammit!“ sogar schon an meiner Diss weitergeschrieben!

Aber es hilft ja alles nichts. Ich hab’s mir so ausgesucht, und jetzt muss ich da auch durch. Tschakkaaa!

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„Isst du auch genug?“ Body Policing in der Schwangerschaft

[Content Note: Erwähnung von Essstörungen, Thematisierung von Körpergewicht.]

Selten wurden mir so viele ungefragte Ratschläge aufs Auge gedrückt wie seit Beginn meiner Schwangerschaft. Das beginnt im privaten Umfeld, setzt sich an meinem Arbeitsplatz fort und reicht – wie wäre es anders zu erwarten – bis in die Medien hinein.

Dazu gehört auch dieser unglückliche Artikel der Emma, die sich in den letzten Jahren ohnehin nicht eben mit Ruhm bekleckert hat und für viele Feministinnen inzwischen ein rotes Tuch ist.

In diesem Artikel, der gleich in der Einleitung einen ableistische Vergleich zieht, der alleine schon ausreicht, awaren Menschen die Galle hochsteigen zu lassen, versucht die Autorin krampfhaft, sich als Kämpferin gegen Fatshaming zu positionieren. Das ist sicher ein hehres Ziel, und gegen Fatshaming sollte ohnehin mehr getan werden. Leider fällt aber in der Darstellung der Emma einiges unter den Tisch: Zum Beispiel die Schwangeren, die es sich nicht ausgesucht haben, in der Schwangerschaft abzunehmen, etwa, weil sie unter Hyperemesis Gravidarum leiden oder plötzlich eine Vielzahl von Nahrungsmittelaversionen haben. Dazu zählen Schwangere, die von Essstörungen betroffen sind und für die jedes Kilo, das sie zunehmen, härter erkämpft ist, als man sich das gemeinhin vorstellen kann. Und das sind nur die häufigsten Ursachen, warum eine Person in der Schwangerschaft nicht ganz so viel zunimmt, wie sie es vielleicht auf dem Papier sollte.

Schwangere unter Generalverdacht

Dass die überwältigende Mehrheit der Schwangeren ihrem Kind Gutes will, sollte klar sein. Dass das für jede Person anders aussieht und dass es nicht für alle bedeuten kann, sich ganz entspannt in die Rolle der „glücklichen Schwangeren“ hineinzulegen (vielleicht auch, weil diese Rolle nicht so recht für sie gemacht ist), sollte verständlich sein. Es gibt Menschen, die hadern mit ihrer Schwangerschaft, und das, obwohl sie sie herbeigesehnt haben. Schwangerschaft bedeutet auch immer ein gewisses Maß an Risiko, an Kontrollverlust. Und wenn jemand für sich entscheidet, statt 16 nur 12 Kilo zuzunehmen – ist das dann fahrlässig? Oder freie Entscheidung? Die Entscheidungen prominenter Frauen werden in dem Artikel harsch kritisiert, und das, obgleich sie sicher nicht im luftleeren Raum oder allein aus Eitelkeit getroffen werden. Die Geflechte sind komplexer, als sie dargestellt werden, und jede Vereinfachung schadet.

Der Artikel ist in seinem Tenor klar: Wer nicht dazu in der Lage ist, sich dem Kontrollverlust hinzugeben, gefährdet potenziell sein Kind.

Deutlich weniger hetzend und zudem noch fundierter ist hier der Artikel von Lara Fritzsche (aus dem auch noch einige, sagen wir mal, nicht markierte Zitate entnommen sind). Lara Fritzsche thematisiert den gesellschaftlichen Druck klarer, unter dem einige Schwangere stehen, und der krankheitsauslösend für Pregorexie sein kann. Und obwohl auch ihr Artikel nicht frei von polemischen Überspitzungen ist, schafft sie es doch, den Bogen nicht zu überspannen und der Sachlichkeit genügend Raum zu geben.

Die Emma tut mir ihrem Artikel schwangeren Menschen keinen Gefallen. Als würde einer*einem in die eigene Schwangerschaft nicht schon genug hereingeredet, fügt sie dem Body Policing eine weitere Dimension hinzu, die es meiner Meinung nach nicht gebraucht hätte. Anstatt sachlich auf die Problematik, die gesellschaftlichen Umstände, die Sorgen und Ängste Betroffener aufmerksam zu machen, die Ursache von Essstörungen sind, verliert sie sich darin, diejenigen Menschen zu beschämen, die wahrscheinlich nicht einmal etwas dafür können, dass sie in der Schwangerschaft nicht „schnell genug“ zunehmen.

Schwangerschaftsängste und Statistik

Mein 1. Trimester geht langsam zu Ende, und langsam mache ich mir weniger Sorgen darüber, ob ich die Schwangerschaft gut zu Ende bringen kann. Die statistische Wahrscheinlichkeit für eine Fehlgeburt ist erschreckend hoch: Je nach Studie liegt sie zwischen 10% und 25% für eine ärztlich bestätigte Schwangerschaft, rechnet man chemical pregnancies (einer dieser Begriffe, für die es keine deutschen Entsprechungen gibt: Es handelt sich dabei um eine sehr frühe Fehlgeburt nach einem positiven Schwangerschaftstest kurz nach Fälligkeit der Menstruation) noch hinzu, liegt sie bei gruseligen 50% bis 75%.

Ich gebe zu: Das ging nicht spurlos an mir vorbei. Ich hatte zeitweise  große Sorge, dass ich aus irgendwelchen diffusen Gründen doch nicht dazu „gemacht“ sein könnte, ein Kind durch die Schwangerschaft zu bringen. Meine Identität als irgendwo zwischen (stereotyp) feminin und maskulin changierende Cisfrau half da auch nicht besonders.

Gut gemeinte Ratschläge helfen dabei übrigens erstaunlicherweise: nicht. Aussagen wie „Mach dir keine Sorgen, wenn es passieren soll, passiert es, da kannst du nichts machen!“ sind Mist, zumindest für mich. Ich kann Sorgen nicht abstellen, und wer an sich dazu den richtigen Knopf gefunden hat: Glückwunsch – und Klappe zu. Anderen fällt das nicht so leicht, und es steht keinem Menschen zu, das bei anderen Menschen einzufordern oder zu beurteilen.

Meine Strategie war anders:

Daten, Daten und noch mehr Daten

Ich ging mit dem Stress um, wie ich es meistens tue: Indem ich genauere Daten und Statistiken recherchierte. Hilfreich fand ich zum Beispiel die Übersicht auf spacefem.com, die die Wahrscheinlichkeit für eine Fehlgeburt für jeden Tag ausgibt. Es half mir sehr, der Prozentzahl nach und nach beim Schrumpfen zuzuschauen. Noch ein bisschen genauer ist die Seite easybabylife.com, die für die gesammelten Statistiken noch die veränderten Wahrscheinlichkeiten ausgibt für Schwangerschaften, in denen der Herzschlag des Embryos bereits dokumentiert ist.

Noch ausführlicher und mit vielen interessanten verlinkten Studien unterfüttert ist die Seite Miscarriage Research. Hier habe ich mir zu so ziemlich jedem Risikofaktor, mit dem ich etwas anfangen konnte, mindestens die Zusammenfassungen der Studien durchgelesen. Viele aktuellere Studien berichten über geringere Risiken als die allgemein berichteten 10-25%, was ich sehr angenehm fand. Außerdem toll ist die Zusammenstellung der bisherigen Forschungsergebnissen dazu, was Fehlgeburten verursachen kann – und wie man nach aktuellem Forschungsstand vorbeugen kann. Allerdings muten einige Empfehlungen eher seltsam an („versuche, Morgenübelkeit zu haben“ oder „feel happy“).

Mir haben die vielen Daten und nicht zuletzt die kleinen Tweaks wirklich sehr geholfen. Ich hatte das Gefühl, nicht so sehr wartend der Situation ausgeliefert zu sein, sondern selbst aktiv etwas tun zu können. Und selbst, wenn ich damit die Wahrscheinlichkeiten nur minimal beeinflusst haben sollte, gibt mir das ein besseres Gefühl, als ahnungslos herumzusitzen – und zu warten.

Schwanger – und dann krank

Schwanger sein heißt, dass das Immunsystem nicht unbedingt Urlaub macht, aber sich doch eher auf Teilzeitarbeit beschränkt. („Viren? Och nö, die greifen wir heute nicht an.“) Der Körper ist gerade damit beschäftigt, einen neuen Menschen zu züchten, und das geht vor. Schwanger sein heißt aber auch, auf viele Medikamente verzischten zu müssen, weil offenbar viel Forschung auf dem Gebiet fehlt, was dem Embryo in welchem Entwicklungsstadium schadet.

Ich war in meiner 6. und 7. Schwangerschaftswoche krank: Zuerst erwischte mich eine Erkältung schlimmer als sonst, und gleich danach die Grippe. Die Erkältung brachte ich noch mit Thymiantee und Honig hinter mich, ich war aber überrascht, wie ausgeknockt ich war. Die Grippe war danach allerdings ein anderes Kaliber: Tagelang verließ ich kaum das Bett, war vollkommen kraftlos, hatte keinen Appetit (genau genommen war mir sogar übel), und als der Husten so richtig losging, hatte ich meinen Hals schon wundgehustet.

Was mir am meisten Sorgen machte, war aber mein Fieber. Es begann am ersten Tag mit erhöhter Temperatur und stieg am zweiten Tag auf über 38°C. Als es sich langsam aber sicher in Richtung 39°C bewegte, machte ich mir Sorgen: Gerade im 1. Schwangerschaftsdrittel ist es wichtig, nicht zu überhitzen. Kritisch wird es nach verschiedenen Quellen ab 38°C, 39°C oder 40°C.

Medikamente in der Schwangerschaft

Ich hatte am ersten Tag bereits starke Kopfschmerzen und Ibuprofen genommen, das im 1. Trimenon als sicher gilt. am zweiten Tag, als mein Fieber stieg, suchte ich Rat bei meiner Hebamme. Sie empfahl mit Paracetamol und die Rücksprache mit einer*m Gynäkolog*in. Die Belegsgynäkologin im örtlichen Krankenhaus (natürlich war meine Gynäkologin gerade im Urlaub) klang von kurzfristigen 39°C Körpertemperatur nicht sonderlich beeindruckt, empfahl aber auch Paracetamol. Das nahm ich, mein Fieber sank, mir ging es besser. (Dass ich beim Husten später einen Asthmaanfall als Nebenwirkung erlebte, da ich sonst nie Asthma hatte, ist wohl unter „persönliches Pech“ zu verbuchen.)

Besonders quälend war für mich die Halsentzündung, die sich wirklich nicht mit Husten verträgt. Ich kann hier „Isla med“ empfehlen, trotz des widerlichen Geschmacks. Was ich gar nicht empfehlen kann, ist Zwiebelsaft. Der hilft zwar super, um den Hustenreiz unten zu halten. Allerdings brauchte ich davon ziemliche Mengen – und die lösten bei mir Übelkeit aus. Und kurz darauf auch Durchfall. Yay. Nicht.

Wer sich wie ich nicht ausschließlich auf die Meinung von Apotheker*innen und Ärzt*innen verlassen möchte, kann außerdem auf die Seite embryotox.de oder die entsprechende App zurückgreifen. Die Webseite ist dabei etwas umfassender und bietet beispielsweise auch von Krankheiten ausgehend eine Beratung, welche Medikamente als sicher gelten. Die App (Android) beschränkt sich darauf, einzelne Medikamente oder Wirkstoffe und ihre potenzielle Toxizität aufzulisten.

Insgesamt betrachtet scheint mir eine gute Impfprophylaxe die klügere Wahl zu sein, selbst, wenn die für die Grippe in diesem Jahr nicht ganz so gut wirken soll wie sonst.