„Hallo, Mama!“

Als ich heute auf Arbeit ankam, wurde ich mit einem hämischen herzlichen „Hallo, Mama!“ von der Kollegin im Nachbarbüro begrüßt. Sie hatte, wie viele andere hier, gestern von meiner Schwangerschaft erfahren und glaubte nun, besonders lustig* sein zu müssen.

Die Öffentlichkeit einer Schwangerschaft

Ich finde das aus mehreren Gründen problematisch. Zunächst einmal ist das eine der Kolleginnen, mit denen ich fast gar nichts zu tun habe. Wir stehen uns in keiner Weise nahe, was einen pseudo-freundschaftlich-neckenden Tonfall schon einmal unpassend erscheinen lässt.

Zum anderen ist eine Schwangerschaft eine private Angelegenheit, über die niemand zu urteilen hat. Keine Chef*innen – aber eben auch keine Kolleg*innen. Denn mein Privatleben hat in meiner Arbeitswelt nichts verloren. Zwar bin ich tatsächlich gezwungen, meine Schwangerschaft an meiner Arbeitsstelle zu verkünden, weil sich hier privates und berufliches kurzzeitig berühren – ansonsten haben die lieben Kolleg*innen aber meine Privatsphäre zu achten.

Hätte ich statt „Ich bin schwanger“ „Ich bin lesbisch“ gesagt, hätte sie mich mit „Hallo, Lesbe!“ begrüßt?

Arbeits-Schimpfwort „Mama“

Ich habe schon ein Mal erlebt, wie „Mama“ als Schimpfwort an der Arbeitsstelle verwendet wurde. Meine damalige Chefin bewies ihr soziales Fingerspitzengefühl, indem sie ihren Mitarbeiter*innen „lustige“, sprich abwertende Spitznamen gab. Ich bekam netterweise „Nerdy“. Die aus der (recht kurzen) Elternzeit zurückkehrende Kollegin wollte sie allen Ernstes „Mama“ nennen. (Sie selbst war natürlich „Chef“.) Ein aufmerksamer Kollege mit einer großen Portion Sozialkompetenz verhinderte das, denn ich war zu entsetzt, um zu reagieren.

Die Reduktion einer Person auf ihre Rolle als Mutter, insbesondere am Arbeitsplatz, kommt einer Beleidigung gleich. Stereotyp-mütterliche Kompetenzen sind im Berufsleben nicht gefragt. Dass das fortwährende Reduzieren auf diese fest umschriebene, stereotype Rolle bereits jetzt anfängt, erschreckt mich.

Als freundliche Reaktion auf ihre freundliche Spitze zeigte ich der Kollegin freundlich meinen Mittelfinger.

*) Da Satire nicht nach unten, sondern nach oben tritt, sind lustige Abwertungen natürlich nicht lustig, auch, wenn sie lustig gemeint sind. Sie sind Abwertungen.

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Wie ich trotz unserer anachronistischen Gesellschaft doch noch Schwanger wurde

Ich bin 35. Ich bin kinderlos. Ich bin Akademikerin, schreibe meine Dissertation, arbeite seit über 5 Jahren in der Forschung.

Und jetzt neu: Ich bin schwanger.

Schwanger werden? In dieser Gesellschaft?

Ich dachte, ich hätte ewig Zeit. Natürlich war mir klar, dass mich irgendwann die Zeit in Form der Menopause einholen würde, aber das erst mit 50. Oder noch später. Mir ist meine Arbeit, mein berufliches Vorankommen wichtig, und ein Kind gilt da als die ultimative Bremse. Für Väter weniger als für Mütter, versteht sich, denn in unserer ungleichen Welt gehen trotz finanzieller Anreize vom Staat Männer nicht nur wesentlich kürzer, sondern auch insgesamt seltener überhaupt in Elternzeit: 80% bleiben 2 Monate oder weniger zuhause. Im Umkehrschluss heißt das: Mütter bleiben zu 80% 10 Monate oder länger an Kind und Küche gebunden und können sich in der Zeit die Karriere an den Hut stecken. Während Papa die Benefits seiner karriereförderlichen Mini-Elternzeit einstreicht, bleibt Mama oft zu Hause und pfeift auf die Karriere – oder wird von der Karriere gepfiffen.

Ich habe das Glück, eine gleichberechtigte Beziehung führen zu dürfen. Geschlechtsstereotype spielen bei uns keine Rolle, im Gegenteil: Wir arbeiten beide daran, sie aktiv aufzulösen. Daher ist für uns auch klar: Wenn es sich einrichten lässt, werden wir uns die Elternzeit gerecht teilen, werden uns beide um das Kind kümmern. Aber das Kind austragen, das ist biologisch nur mir möglich.

Mein Körper, meine Entscheidung

Ich muss zugeben, die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen. Ich schätze es, Dinge unter Kontrolle zu haben, auch meinen Körper. Ich treibe gerne Sport, wenn auch nicht exzessiv, und ich habe gelernt, mich so zu akzeptieren, wie ich bin. Ich hatte – und habe – Angst vor dem Verlust der Kontrolle über meine Physis und zum Teil auch über meine Psyche in der Schwangerschaft. Das mag für andere trivial sein, für mich ist es das nicht. Ich hatte nie einen „naturlichen“ Bezug zu Schwangerschaft und Geburt: Freundinnen, die Kinder bekamen, entfremdeten sich schnell von mir, weil ich mit Kindern nicht viel anfangen konnte und nie zur „Oh-nein-ist-das-süß-gutzigutzigu!“-Fraktion gehörte. Ich bin ein rationaler Mensch.

Auf der anderen Seite gibt es auch rationale Gründe für ein Kind: Auch, wenn ich kleine Kinder nicht sonderlich mag, finde ich die Entwicklung von Kindern, gerade, wenn sie etwas älter sind, recht interessant. Ich finde auch den Gedanken schön, meine Gene und die meines Liebsten lustig zu kombinieren und daraus ein menschliches Leben zu züchten. Und mir gefällt die Vorstellung, dass dieses neue Leben ganz neu anfangen kann.

Und nicht zuletzt würde mich die Aussicht darauf, im Alter nicht mehr zu haben als nur meine Arbeit, traurig machen. Wie schon gesagt, meine Arbeit gehört zu mir, mir ist es wichtig, durch meine Arbeit einen relevanten Teil zur Gesellschaft beizutragen – aber irgendwann ist das rum.

Als mir klar wurde, dass mein Lebensentwurf implizit schon immer Kinder vorgesehen hatte, wurde es etwas einfacher. Für mich war wichtig, dass ich genug Zeit hatte, meine Entscheidung zu treffen. Ich habe mich von meinem Liebsten nie unter Druck gesetzt gefühlt, und ich glaube, nur so konnte ich mich letzten Endes für den Versuch, schwanger zu werden, entscheiden.