Warum ich (wahrscheinlich) ein Bauchband tragen werde, die Werbung dazu aber Schrott ist

Was ist ein Bauchband?

Bei einem Bauchband, „Belly Band“, „Belly Wrap“ oder einer Bauchbinde handelt es sich um ein Kleidungsstück, das den Bauch zusammendrückt. Dabei wird das lockere Gewebe des postpartalen Bauches komprimiert, er wirkt dadurch weniger schlaff, die gedehnten Muskeln werden gestützt und die Rückbildung wird beschleunigt. Das Bauchband wird unter der Kleidung getragen, tagsüber, bis zu 18 Stunden täglich. Postpartale Bauchbänder sind aus Asien bekannt. Im europäischen Raum werden Korsetts und Bauchbänder therapeutisch gegen Rückenschmerzen und Haltungsschäden genutzt.

Leider ist mir ist bei meiner Recherche keine wissenschaftliche Studie untergekommen, die den Nutzen von Bauchbändern objektiv untersucht. Die Ausführungen und Informationen unten basieren daher auf anekdotischen Berichten von Einzelpersonen oder deren mehr oder weniger unvoreingenommenen Überlegungen. Am nächsten an eine objektive Einschätzung der Fakten kommt dieser Artikel von Alphamom heran.

Und alles für die Normschönheit?

Ich habe heute Morgen gehört, dass Bauchbänder vor allem unter ästhetischen Gesichtspunkten vermarktet werden. Leider hat meine Recherche das bestätigt. „Verlier‘ deinen Babybauch schneller!“, „Finde zurück zu deiner alten Form!“, „Abnehmen mit dem Bauchband!“. So oder so ähnlich lauten die Slogans.

Wenig überraschend finde ich diese Marktingmasche absolut uncool. Bodyshaming und Fatshaming sind nie in Ordnung, immer hinderlich, im medizinischen Kontext sogar grob fahrlässig und gehören unterlassen. Insbesondere nach einer Schwangerschaft, die immer eine körperliche Veränderung irgendeiner Form mit sich bringt. Insofern finde ich es sehr problematisch, Bauchbänder unter diesem Aspekt zu vermarkten. Als ob Menschen, die gerade ein Kind geboren haben, daran erinnert werden müssten, dass ihr Körper jetzt anders ist als vor der Geburt. Ja, mach Sachen – natürlich ist er das!

So wird ein Bauchgurt auf windeln.de beworben. Schade.

So wird ein Bauchgurt auf windeln.de beworben. Schade.

Was also definitiv nicht ok ist, ist die gesellschaftliche und mediale Stigmatisierung von nicht normschönen Körpern, auch nach einer Schwangerschaft. Andererseits geht es für mich in Ordnung, wenn eine Person die Entscheidung trifft, sich selbst auf die eine oder andere Art schön zu finden und in Richtung ihres Ideals arbeitet. Dabei will ich aber keinesfalls leugnen, dass gesellschaftlich-medialer Druck einiges dafür tut, dieses vermeintlich persönliche Idealbild schön nah in Richtung Normschönheit zu rücken. (Dieser Artikel beleuchtet das zum Beispiel toll.) Aber kommen wir wirklich weiter, wenn wir ein Individuum für seine Entscheidung für eine Anpassung an ein normschönes Ideal beschämen? Wir alle müssen immerhin in dieser unvollkommenen Gesellschaft leben, und es bedarf einiges an Kraft und Entschlossenheit, sich gesellschaftlichem Druck zu widersetzen. Nicht jede*r hat dazu ununterbrochen die Kraft.

Darum ist es für mich auch in Ordnung, wenn ein Bauchband einigen Menschen dabei hilft, ihren nachschwangerschaftlichen Körper schneller wieder für sich anzunehmen. Und das schließt auch eher funktionale Aspekte ein. Durch die Entlastung der durch die Schwangerschaft strapazierten Muskeln in Bauch und Rücken kann es mit einem Bauchband schneller möglich sein, Sport zu treiben oder insgesamt aktiv zu sein, was für viele Menschen eine deutliche Steigerung der Lebensqualität bedeutet.

Medizinische und gesundheitliche Aspekte

Aber es gibt noch ganz andere Faktoren, die für eine zumindest kurzfristige Benutzung eines Bauchbandes sprechen. Einige Quellen empfehlen generell die Stützung der Organe in der ersten Zeit. Nach einem Kaiserschnitt kann die Kompression beispielsweise Schwellungen reduzieren und die durchtrennten Faszien entlasten, was wiederum zu weniger Schmerzen führt. Auch bei einer Rektusdiastase, dem starken Auseinanderklaffen der geraden Bauchmuskeln, kann eine Kompression zumindest in der ersten Zeit förderlich sein. Später wird empfohlen, Rückbildungsgymnastik und spezielle Übungen zur Stärkung der queren Bauchmuskeln zu machen.

Es ist aber auch wichtig zu erwähnen, dass eine übermäßig starke Kompression zu einer Verschlechterung von Inkontinenz führen kann und zu einer Schwächung der Rückenmuskulatur. Übertreiben sollte man es also auf keinen Fall mit der Kompression.

Meine Gründe für ein Bauchband

Ich habe mich inzwischen dafür entschieden, ein Bauchband auszuprobieren. Ich muss natürlich sehen, wie es mir damit geht, ob ich damit klar komme und ob ich den subjektiven Eindruck habe, dass es mir hilft. Einer der Gründe dafür ist, dass meine Rektusdiastase inzwischen deutlich wahrnehmbar ist und ich hoffe, dass sie sich durch das Bauchband und gezielte Übungen schnell zurückbildet.

Und ja, ich hoffe auch, dass das Gefühl von in mir rumschwappenden Organen dadurch weniger stark und irritierend ist und auch, dass sich mein Bauch schneller wieder wie mein Bauch anfühlt. Ich erwarte keine Wunder in zwei Wochen, ich erhoffe mir nicht den Flachbauch irgendwelcher Promis. Ich will einfach, dass sich mein Körper wieder mehr nach mir anfühlt. Und nicht zuletzt möchte ich mich endlich wieder bewegen können und schneller wieder Sport machen können. Ich hoffe, dass mir das Bauchband auch dabei ein wenig helfen kann.

tl;dr

Leider werden Bauchbänder vor allem unter dem Aspekt des „zurück zum Vor-Schwangerschafts-Körper“ beworben, obwohl es mindestens Hinweise auf medizinischen Vorteile gibt. Außerdem ist Bodyshaming Mist, trotzdem kann nicht von jeder Person die Kraft verlangt werden, sich gegen gesellschaftliche Normen zu stemmen.

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Schlimm, diese (Vor-)Sorge!

Ah, es ist wieder Zeit für etwas Schwangeren-Bashing! Dieses Mal regen wir uns darüber auf, dass die Schwangeren zu viele Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen. Mehr, als bezahlt werden! Unfassbar. Wie können die nur!? Sind die noch ganz sauber? Schwangeren-Bashing. Ausgerechnet in dem Land, in dem weltweit die wenigsten Kinder geboren werden. Oh, the irony. Man könnte jetzt sagen: Ach, der Spiegel Online mal wieder. Warum lese ich das auch? Aber auch die SZ stimmt ein, und ich bin recht sicher, dass das nicht die einzigen Stimmen bleiben werden.

[Edit am 28.07.2015: Auch die FAZ stimmt ein, mit nur minimal gemäßigterem Ton.]

[Edit am 29.07.2015: Auch die taz ist dabei beim großen Ursachenverfälschen. Hurra.]

Überversorgung?

Die Artikel, über die ich mich gerade echauffiere, haben die „Überversorgung“ von Schwangeren zum Thema und kritisieren, dass diese die Angst der Schwangeren schüre. Das ist eine interessante Hypothese, aber nicht mehr als das. Untersucht wurden in der zitierten Studie die Art und die Anzahl der wahrgenommenen Vorsorgeuntersuchungen. Die Daten sind dabei, das räumt der Artikel zumindest auf Spiegel Online in einer ausklappbaren Fußnote ein, nicht einmal repräsentativ für Deutschland. Ich habe die Studie im Original gelesen (sie kann hier online abgerufen werden) und genauer hingesehen: Fast ausschließlich Frauen mit hohem Bildungsstatus haben sich durch Selbstselektion an der Befragung beteiligt. Ein Fakt, der insbesondere von der SZ nicht bedacht wird, die munter schlussfolgert:

Auch das Einkommen oder der Bildungsabschluss der Schwangeren hatten kaum Einfluss darauf, ob Zusatzleistungen in Anspruch genommen wurden oder nicht.

Wer sich mit Statistik auskennt, weiß: Wo keine Varianz, da keine Kovarianz. Sprich: Wenn wir nur Menschen mit hohem Bildungsabschluss betrachten, wie können wir aufgrund des Bildungsabschlusses Rückschlüsse auf ihr Verhalten ziehen? Hier fehlt es den „Wissenschafts-„Redakteur*innen offensichtlich an notwendigem Know-how, um die Studie und ihre Ergebnisse korrekt einordnen zu können.

Blutuntersuchungen zur individuellen Risikoeinschätzung

Als besonders kritisch empfinde ich, wie in den Artikeln von Spiegel Online und SZ mit den freiwilligen und selbst zu zahlenden Blutuntersuchungen ins Gericht gegangen wird. Denn die sind in vielen Fällen alles andere als überflüssiger Schnickschnack. Toxoplasmose, Cytomegalie und Ringelröteln sind als mögliche Todesursachen des Fötus‘ oder des Neugeborenen nicht unwahrscheinlich, weshalb es sinnvoll ist, zu wissen, ob di*er Schwangere bereits an den Krankheiten erkrankt ist und somit resistent – oder nicht. Denn daraus lassen sich konkrete Verhaltensempfehlungen für die schwangere Person ableiten. So räumt auch die Originalstudie ein:

Allerdings kann es für Schwangere sinnvoll sein, ihren Immunstatus zu kennen, um sich entsprechend zu verhalten.

Aber nichts hiervon findet sich in den Artikeln. Wie könnte es auch, räumen doch Absätze wie dieser ein, dass etliche Untersuchungen, für die Schwangere bisweilen leider tief in die eigene Tasche greifen müssen, durchaus sinnvoll und nützlich sind. Nun könnte man von Schwangeren generell fordern, dass sie potenzielle Überträger von z.B. Toxoplasmose meiden (in diesem Fall wäre das sogar möglich). Das wird auch häufig getan: Schwangere sollen sich bitte von nicht vollständig durchgebratenem Rindfleisch, kalt geräucherte Wurst- und Fleischwaren fernhalten. Allerdings bedeutet das für einige Menschen durchaus Einschränkungen in der Lebensqualität. Diese einfach einzufordern, obwohl es sinnvolle Tests gäbe, die Klarheit über die tatsächliche Gefährdung geben könnten, ist frech.

Sinnvolle Tests außerhalb der Mutterschaftsrichtlinien

Ein weiteres Beispiel für einen sinnvollen Test ist der Streptokokken-Abstrich. In den USA gehört er seit 1996 zu den empfohlenen Untersuchungen, da Streptokokken bei Neugeborenen zu lebensbedrohlichen systemischen Infektionen führen können. Das steht in dem wissenschaftlichen Artikel. Deutschland ist hier nie nachgezogen. Zwar gibt es seit 2010 eine „Empfehlung“, die Untersuchung gegen Ende der Schwangerschaft durchzuführen, in die Mutterschaftsrichtlinien sind sie aber nicht aufgenommen worden. Auch diese sinnvolle Untersuchung muss daher von Schwangeren selbst getragen werden.

Nun könnte man sich eigentlich freuen: Yay, Schwangere kümmern sich um ihre Gesundheit! Sie informieren sich selbstständig und fordern sogar sinnvolle Untersuchungen ein. Dabei fiele aber eine andere Seite aus dem Blickfeld: Denn auch medizinisch wenig sinnvolle Untersuchungen, wie „zu viele“ Ultraschalluntersuchungen oder kardiotokografische Untersuchungen werden in Anspruch genommen. Das ist natürlich weniger wünschenswert.

kausale Zusammenhänge?

Woher kommt aber dieser Wunsch nach mehr Sicherheit? Die SZ schlussfolgert aus der Studie:

Experten fürchten, auf diese Weise werde Schwangerschaft immer mehr als etwas Krankhaftes und Behandlungswürdiges angesehen.

Mich überrascht diese Interpretation der Daten. Sie könnte nämlich, allein anhand der Datenlage, auch so lauten:

Da Schwangerschaft und Geburt in unserer Gesellschaft einem gewissen Tabu unterliegt und durch die seit den 1950ern stetig steigende Verlegung in Kliniken pathologisiert wird, wächst als Resultat auch das Bedürfnis nach pränataldiagnostischer Absicherung.

Die Datenlage lässt nämlich keinen Ursache-Wirkungs-Schluss zu. Es handelt sich um Daten, die miteinander korrelativ verknüpft wurden, also gemeinsam auftraten. Eine Korrelation bedeutet aber keinen kausalen Zusammenhang. Genausogut könnte eine illusorische Korrelation vorliegen, ein Scheinzusammenhang, der aufgrund zufälliger oder systematischer weiterer Faktoren zustande kommt.

Wer ist Schuld?

Auffällig ist, dass in beiden hier zitierten Artikeln die Schuld hierfür bei den Schwangeren gesucht wird. Schlimm, diese Schwangeren! So ahnungslos! Die bösen Frauen, was kosten die wieder so viel!? Dabei kommt die Studie zu einem ganz anderen Ergebnis:

Ergebnisse zu den Gründen der Inanspruchnahme zeigen, dass viele Frauen sich nicht dessen bewusst sind, dass die von ihnen in Anspruch genommenen Leistungen nicht zwingend Bestandteil der Schwangerenvorsorge im Rahmen der MSR sind. Es scheint hier eine Aufklärung zu fehlen.

Und weiter:

Die Tatsache, dass nur etwa die Hälfte der Teilnehmerinnen sich sehr gut über Aussagekraft beziehungsweise Wirkungsweise einer Maßnahme aufgeklärt fühlt, stimmt bedenklich.

Und noch weiter unten:

Grundsätzlich ist zu überdenken, ob das Vergütungssystem von Ärztinnen und Hebammen sich in der Betreuung von Schwangeren als zielführend erweist. Die Vergütung in Form von (fallbezogenen) Pauschalen unabhängig von der Anzahl der Patientinnenkontakte und/ oder den zeitlichen Ressourcen pro Kontakt wie auch der Wettbewerbsgedanke mögen dazu geführt haben, dass seitens der Leistungsanbieterinnen das Bedürfnis entsteht, Nischen zu identifizieren, die eine als passend empfundene Vergütung pro Fall ermöglichen.

Tatsächlich richtet sich die Kritik also nicht an Schwangere, sondern an das Gesundheitssystem, die pauschale Vergütung und der Art, wie dies von Ärzt*innen umgangen wird. Ja, und in der Tat fehlt es an Aufklärung. Es ist nicht einfach, als medizinische*r Laie*in zu durchblicken, welche Untersuchungen sinnvoll sind und welche ein sinnfreies Überangebot darstellen. Hier sind allerdings nicht die Schwangeren gefragt! Die Informationen sinnvoll und verständlich aufbereitet zur Verfügung zu stellen und, wo angemessen, auch die eigenen Empfehlungen kritisch zu betrachten, das läge in der Hand der Ärzt*innen.

Nicht so allgemein, bitte!

Gestern ist es wieder passiert. Eine Bekannte schaute auf meinen Bauch und meinte: „Da sieht man schon ein wenig was!“ Woraufhin ich mit einem schiefen Grinsen die Schultern zuckte. Ja, so richtig angefreundet habe ich mich immer noch nicht mit dem Kontrollverlust, den ich bei der Schwangerschaft empfinde. Was anderen leicht fällt, fällt mir schwer. Das ist meine persönliche Baustelle und für mich so ganz in Ordnung. „Aber das ist doch schön!“, rief die Bekannte auf meine eher mäßige Reaktion. Nicht „das finde ich schön“ oder „findest du das nicht schön?“, nein, „das ist doch schön!“

Und so etwas passiert leider häufiger. Als ich einer anderen Bekannten davon erzählte, dass ich mir Sorgen mache und auch vor einigen Dingen Angst habe, erntete ich ein: „Das geht schon noch weg!“ Eine andere Person reagierte in einer ähnlichen Situation mit der Aussage: „Ach, da wächst man rein!“

Na dann. Herzlichen Dank für diese Meinungen, die so schön generalisiert und verallgemeinert daherkommen. Und meine Ängste, Sorgen und grundsätzlich mein Empfinden entwerten. Natürlich habe ich nichts gegen aufmunternde Worte oder positive persönliche Erfahrungen. Ich habe aber ein Problem damit, wenn solche subjektiven Aussagen entpersonalisiert („man“) und generalisiert werden („das ist doch / wird noch“). Solche Aussagen helfen gar nicht. Genau das Gegenteil passiert, und ich fühle mich in meinem subjektiven Erleben nicht ernst genommen. Es ist, als würden meine subjektiven Gefühle außerhalb einer nicht näher definierten „ishaltso“-Norm liegen, und müssten damit nicht anerkannt werden.

Das lässt sich übrigens auch auf andere Lebensbereiche übertragen als auf Schwangerschaft. Ganz allgemein auf alle persönlichen Erlebnisse, Ängste, Sorgen, Beichten, …

Wie das besser ginge? Das ist gar nicht so schwierig. „Ich finde das schön!“, „Ich hoffe, dass das bald weggeht“ oder „Ich bin da reingewachsen, das wünsche ich dir auch.“

Bitte. War doch gar nicht so schwer.

Nein, das Geschlecht sag‘ ich nicht!

Es ist ein wiederkehrendes Ritual: Wenn ich sage, dass ich schwanger bin, kommt unweigerlich, beinahe sofort die Frage: „Und, was wird es?“

Tja, was wird es? Ein Mensch, denke ich. Gesund, hoffen wir. Sehr agil, so fühlt es sich an. Waage, wenn es nach Plan geht. Blauäugig, wenn da nicht die 4%ige Restwahrscheinlichkeit für grüne Augen wäre. Weiß, weil die Eltern weiß sind.

Was die Fragenden aber wissen wollen, ist immer das Geschlecht. Dabei interessiert sie nicht die Geschlechtsidentität, nein, die sogenannten äußeren Geschlechtsmerkmale wollen sie erfahren (als wäre die Antwort auf „Penis oder Vagina?“ eine erschöpfende Antwort auf die Vielzahl aller chromosomalen, gonadalen, hormonellen oder anatomischen Möglichkeiten)¹. Bisher haben wir diese Frage nicht beantworten können, weil wir es selbst nicht wussten. Seit heute haben wir eine ärztliche Meinung dazu, werden sie aber nicht weiterkommunizieren. Die ersten erschütterten „Was!? Wieso sagt ihr das nicht??“ oder „Wie gemein von euch!“ habe ich heute schon gehört.

Spitzmorchel

Äußere Geschlechtsmerkmale (Symbolbild).

Die offenbare Wichtigkeit der Antwort auf diese Frage lässt tief in unsere Gesellschaft blicken. Wieso ist das Geschlecht das, was alle interessiert? Damit schon früh gegenderte Geschenke (vgl z.B. hier, hier, hier oder hier) gemacht werden können, um das Kind auf „seine*ihre Rolle in der Gesellschaft“ vorzubereiten? Damit das Kind entsprechend des Klischees rosa oder hellblau angezogen werden kann, auf dass jede Person auf den ersten Blick erkennt, wie das Kind zu behandeln ist, bei welchen „abweichenden“ Handlungen es ja zu tadeln und bei welchen es geschlechtskonform zu bestätigen ist? Damit sich schon vorab über mögliche Berufsperspektiven Gedanken gemacht werden kann? Damit man weiß, ob es möglicherweise ein gutes heteronormatives Pärchen mit dem eigenen Kind abgeben könnte?

Damit man sich entweder besonders, oder eben weniger freuen kann?

Nein, das Geschlecht sagen wir nicht. Es wird schwer genug werden, dem Kind alle Wege offen zu halten, die es beschreiten möchte, in einer Gesellschaft, die einige Wege rosa und andere hellblau pflastert, und dabei auch noch unterschiedliche Hindernisse in den Weg legt. Es wird schwer genug werden, nach der Geburt ein Gegengewicht zu leben, Alternativen aufzuzeigen, und immer wieder zu sagen: „Es geht auch anders, das ist nur eine von vielen, vielen Möglichkeiten!“ Damit müssen wir nicht schon vorher beginnen.

¹: Nachtrag und Klärung des missverständlichen Begriffs „anatomisches Geschlecht“.

Warum ich so gut wie keine Umstandskleidung habe

[Content Note: Body Talk]

Inzwischen bin ich im 5. Monat angekommen, oder in der 18. Woche. Und mein Bauch ist inzwischen … vorhanden. Er will sich nicht mehr so recht in meine engen Jeans drücken lassen.

Trotzdem trage ich im Alltag keine Umstandskleidung. Das hat einerseits mit meinem Verhältnis zu meiner Schwangerschaft und zu meinem Körper zu tun: Ich mochte meinen Körper in seinem unschwangeren Zustand gerne, und ich wusste eigentlich recht genau, wie ich mit ihm umgehen musste, was ich von ihm erwarten kann, und wie viel Power er so hatte. Das alles geht jetzt nicht mehr so ohne weiteres, denn inzwischen macht er alle möglichen Sachen, mit denen ich nicht rechne, die ich nicht so toll finde oder gegen die ich nichts tun kann.

Ich freue mich für jeden Menschen, di*er mit dem Zustand Schwangerschaft besser klar kommt als ich. Wirklich. Ich möchte auch gar nicht groß weiter rumheulen, also belasse ich es dabei: Ich habe mich in meinem Körper schon bedeutend wohler gefühlt! Und das ist ein wichtiger Grund für mich, warum ich keine Umstandskleidung trage. Umstandskleidung, das heißt heutzutage: Eng anliegende, stretchige Materialien, die in Schnitt und Farbe den Bauch betonen. Bei formellen Kleidern gibt es dann auch gerne mal ein Schleifchen auf den Bauch. Das war nicht immer so. Historisch gesehen wurde der Bauch eher versteckt. Erst vor wenigen Jahren begann sich das zu wandeln, und politische Entscheidungen wie die Stärkung des Mutterschutzes spielten dabei eine entscheidende Rolle.

Trotzdem: Ich finde meinen Bauch nicht niedlich und will kein Schleifchen darauf drapieren. Ich möchte ihn nicht wie eine Monstranz vor mir hertragen und überall auf den ersten Blick als schwanger identifiziert werden. Mir gefällt nicht, dass ich mich damit auseinandersetzen muss, dass fremde Menschen mich aufgrund meines Bauches anders wahrnehmen und bewerten. Zusätzlich kostet Umstandskleidung häufig mehr als normale Kleidung.

Toll finde ich da das Projekt Butchbaby & Co., eines aktuell entstehenden Modelabels, das betont „maskuline“ Kleidung für Schwangere entwirft, und die Tipps von offbeatfamilies für Umstandsmode für Butches. Denn auch, wenn ich keine Butch bin, empfinde ich ist eine einseitige Darstellung von „Femininität“ in Umstandskleidung als problematisch und einengend.

Also kaufe ich keine Umstandskleidung, wenn es sich vermeiden lässt. Statt dessen kaufe ich normale Kleidung, nur ein wenig größer. Ich meide dehnbare Materialien und weiche auf locker fallende Hemden oder Blusen aus, die sich ohne Probleme über meine Bauchbeule drapieren. Und ich freue mich auf den Sommer, zu dem ich meine weiten Hosen, Kleider und Röcke wieder aus dem Schrank kramen kann!

Manchmal, zu hohen Anlässen wie Hochzeiten, lässt sich Umstandsmode natürlich nicht wirklich vermeiden – ich möchte ja immer noch schick aussehen. Also wähle ich den Weg des geringsten Übels und suche nach Kleidung, die nicht ganz so sehr „seht alle her! Ich bin SCHWANGER!“ schreit wie die übrigen. Chiffon-Lagen oder feste Spitze helfen sehr!

„Isst du auch genug?“ Body Policing in der Schwangerschaft

[Content Note: Erwähnung von Essstörungen, Thematisierung von Körpergewicht.]

Selten wurden mir so viele ungefragte Ratschläge aufs Auge gedrückt wie seit Beginn meiner Schwangerschaft. Das beginnt im privaten Umfeld, setzt sich an meinem Arbeitsplatz fort und reicht – wie wäre es anders zu erwarten – bis in die Medien hinein.

Dazu gehört auch dieser unglückliche Artikel der Emma, die sich in den letzten Jahren ohnehin nicht eben mit Ruhm bekleckert hat und für viele Feministinnen inzwischen ein rotes Tuch ist.

In diesem Artikel, der gleich in der Einleitung einen ableistische Vergleich zieht, der alleine schon ausreicht, awaren Menschen die Galle hochsteigen zu lassen, versucht die Autorin krampfhaft, sich als Kämpferin gegen Fatshaming zu positionieren. Das ist sicher ein hehres Ziel, und gegen Fatshaming sollte ohnehin mehr getan werden. Leider fällt aber in der Darstellung der Emma einiges unter den Tisch: Zum Beispiel die Schwangeren, die es sich nicht ausgesucht haben, in der Schwangerschaft abzunehmen, etwa, weil sie unter Hyperemesis Gravidarum leiden oder plötzlich eine Vielzahl von Nahrungsmittelaversionen haben. Dazu zählen Schwangere, die von Essstörungen betroffen sind und für die jedes Kilo, das sie zunehmen, härter erkämpft ist, als man sich das gemeinhin vorstellen kann. Und das sind nur die häufigsten Ursachen, warum eine Person in der Schwangerschaft nicht ganz so viel zunimmt, wie sie es vielleicht auf dem Papier sollte.

Schwangere unter Generalverdacht

Dass die überwältigende Mehrheit der Schwangeren ihrem Kind Gutes will, sollte klar sein. Dass das für jede Person anders aussieht und dass es nicht für alle bedeuten kann, sich ganz entspannt in die Rolle der „glücklichen Schwangeren“ hineinzulegen (vielleicht auch, weil diese Rolle nicht so recht für sie gemacht ist), sollte verständlich sein. Es gibt Menschen, die hadern mit ihrer Schwangerschaft, und das, obwohl sie sie herbeigesehnt haben. Schwangerschaft bedeutet auch immer ein gewisses Maß an Risiko, an Kontrollverlust. Und wenn jemand für sich entscheidet, statt 16 nur 12 Kilo zuzunehmen – ist das dann fahrlässig? Oder freie Entscheidung? Die Entscheidungen prominenter Frauen werden in dem Artikel harsch kritisiert, und das, obgleich sie sicher nicht im luftleeren Raum oder allein aus Eitelkeit getroffen werden. Die Geflechte sind komplexer, als sie dargestellt werden, und jede Vereinfachung schadet.

Der Artikel ist in seinem Tenor klar: Wer nicht dazu in der Lage ist, sich dem Kontrollverlust hinzugeben, gefährdet potenziell sein Kind.

Deutlich weniger hetzend und zudem noch fundierter ist hier der Artikel von Lara Fritzsche (aus dem auch noch einige, sagen wir mal, nicht markierte Zitate entnommen sind). Lara Fritzsche thematisiert den gesellschaftlichen Druck klarer, unter dem einige Schwangere stehen, und der krankheitsauslösend für Pregorexie sein kann. Und obwohl auch ihr Artikel nicht frei von polemischen Überspitzungen ist, schafft sie es doch, den Bogen nicht zu überspannen und der Sachlichkeit genügend Raum zu geben.

Die Emma tut mir ihrem Artikel schwangeren Menschen keinen Gefallen. Als würde einer*einem in die eigene Schwangerschaft nicht schon genug hereingeredet, fügt sie dem Body Policing eine weitere Dimension hinzu, die es meiner Meinung nach nicht gebraucht hätte. Anstatt sachlich auf die Problematik, die gesellschaftlichen Umstände, die Sorgen und Ängste Betroffener aufmerksam zu machen, die Ursache von Essstörungen sind, verliert sie sich darin, diejenigen Menschen zu beschämen, die wahrscheinlich nicht einmal etwas dafür können, dass sie in der Schwangerschaft nicht „schnell genug“ zunehmen.

„Magst du etwa keine Kinder!?“

Nein, ich mag Kinder nicht besonders. Als Frau, besonders als Hetero- und Cis-Frau, ist das etwas, was oft nicht verstanden wird, wofür ich Kritik ernte oder wofür ich mich rechtfertigen muss. Und es ist ein Detail, von dem aus gern Rückschlüsse darauf gezogen wurden, ob und wann ich mich fortpflanzen wollen würde.

Ich empfinde es als merkwürdig, wie gerade in diesem Punkt bei Männern* und Frauen* zweierlei Maß angelegt werden: Von Frauen*, insbesondere von Hetero-Cis-Frauen, wird als Default erwartet wird, dass sie Kinder total dufte finden, sich darum reißen, sie zu halten und zu bespaßen. Denn sie müssen ja üben. Für das eigene Kind.

Familienfragen…

Fast immer, wenn ich von diesem Default abwich, dankend ablehnte, einen Säugling zu halten, weil ich entweder nicht vollgespuckt werden wollte oder mich damit einfach nicht wohl fühlte, kam schnell die Frage „Magst du etwa keine Kinder? Willst du später denn keine eigenen haben?“ Oft stellten diese Frage weibliche Verwandte, und sie hatte immer etwas suggestives: „Da, nimm jetzt das Kind, du musst üben, denn das erwarten wir von dir.“ Antwortete ich einmal mit: „Das weiß ich nicht“ oder „Vielleicht, vielleicht auch nicht“, wurde schnell ein „Aber Kinder sind doch das Schönste/Größte/Tollste auf der Welt!“ nachgeschoben, um den Druck noch ein wenig zu erhöhen.

So etwas habe ich bei meinen Partnern nie beobachtet. Ich vermute, es gibt gegenüber Männern*, insbesondere Hetero-Cis-Männern, keine derartigen Erwartungen. Und, was ich noch interessanter finde: Es wird aus ihrem Verhalten gegenüber Kindern nach meiner Beobachtung wenn überhaupt nur höchst selten ein Rückschluss darauf gezogen, ob jemand irgendwann selbst Kinder haben möchte oder nicht. Der Default scheint zu sein: „Männer* interessieren sich nicht für Kinder.“ Nur manchmal, wenn mein Partner von seinem Default sich explizit für Kinder interessierte, sie herumtrug oder mit ihnen spielte, manchmal kam dann ein Kommentar: „Übst du schon…?“

Ich finde es schade, dass Menschen das Abhanden- oder Vorhandensein von Interesse an Kindern, zumindest implizit, so unterschiedlich beurteilen.

… und was daraus geschlussfolgert wird

Ich finde es immer irritierend, auf mein „Ich bin schwanger“ ein „Ich dachte, du willst keine Kinder“ zu hören. Von Menschen, mit denen ich darüber niemals gesprochen habe, die mich vielleicht sogar nur oberflächlich oder seit kurzer Zeit kennen. Mich hat es sehr überrascht, wie viele Menschen mit Unglauben reagierten. Inzwischen kann ich mir das ein wenig erklären: Diese Menschen gingen offenbar davon aus, dass Frauen, die selbst irgendwann Kinder bekommen wollen, sich vorher auch besonders kinderlieb verhalten müssen. Und wenn sie sich nicht erwartungskonform verhalten, musste das für sie im Umkehrschluss dazu heißen, dass diese Frauen keine Kinder wollen.

Ich finde es sehr schade, dass dabei offenbar vergessen wird, dass Menschen auch andere Lebensentwürfe haben könnten. Lebensentwürfe, die eventuell nicht bedeuten, mehrere Jahre allein zu Hause das Kind zu hüten, damit der Vater und Ernährer™ in Ruhe arbeiten gehen kann. Die eventuell beinhalten, dass sich di*er Partner*in mehr über das Kind freuen könnte, als ich, nur, weil ich es austrage. Die eventuell heißen, dass Aufgaben anders verteilt werden, als sie es damals in der Schule noch gelernt haben.

Auch deshalb ist es höchste Zeit, dass Menschen lernen, dass es neben „Mama bleibt zu Hause, Papa geht arbeiten“ noch viele weitere, bunte Lebensentwürfe gibt. Mit und ohne Kinder.

[Editiert am 24.03.2015: Link zum Artikel „trans*parent – trans* und Elternschaft“ ergänzt.]