Nein, das Geschlecht sag‘ ich nicht!

Es ist ein wiederkehrendes Ritual: Wenn ich sage, dass ich schwanger bin, kommt unweigerlich, beinahe sofort die Frage: „Und, was wird es?“

Tja, was wird es? Ein Mensch, denke ich. Gesund, hoffen wir. Sehr agil, so fühlt es sich an. Waage, wenn es nach Plan geht. Blauäugig, wenn da nicht die 4%ige Restwahrscheinlichkeit für grüne Augen wäre. Weiß, weil die Eltern weiß sind.

Was die Fragenden aber wissen wollen, ist immer das Geschlecht. Dabei interessiert sie nicht die Geschlechtsidentität, nein, die sogenannten äußeren Geschlechtsmerkmale wollen sie erfahren (als wäre die Antwort auf „Penis oder Vagina?“ eine erschöpfende Antwort auf die Vielzahl aller chromosomalen, gonadalen, hormonellen oder anatomischen Möglichkeiten)¹. Bisher haben wir diese Frage nicht beantworten können, weil wir es selbst nicht wussten. Seit heute haben wir eine ärztliche Meinung dazu, werden sie aber nicht weiterkommunizieren. Die ersten erschütterten „Was!? Wieso sagt ihr das nicht??“ oder „Wie gemein von euch!“ habe ich heute schon gehört.

Spitzmorchel

Äußere Geschlechtsmerkmale (Symbolbild).

Die offenbare Wichtigkeit der Antwort auf diese Frage lässt tief in unsere Gesellschaft blicken. Wieso ist das Geschlecht das, was alle interessiert? Damit schon früh gegenderte Geschenke (vgl z.B. hier, hier, hier oder hier) gemacht werden können, um das Kind auf „seine*ihre Rolle in der Gesellschaft“ vorzubereiten? Damit das Kind entsprechend des Klischees rosa oder hellblau angezogen werden kann, auf dass jede Person auf den ersten Blick erkennt, wie das Kind zu behandeln ist, bei welchen „abweichenden“ Handlungen es ja zu tadeln und bei welchen es geschlechtskonform zu bestätigen ist? Damit sich schon vorab über mögliche Berufsperspektiven Gedanken gemacht werden kann? Damit man weiß, ob es möglicherweise ein gutes heteronormatives Pärchen mit dem eigenen Kind abgeben könnte?

Damit man sich entweder besonders, oder eben weniger freuen kann?

Nein, das Geschlecht sagen wir nicht. Es wird schwer genug werden, dem Kind alle Wege offen zu halten, die es beschreiten möchte, in einer Gesellschaft, die einige Wege rosa und andere hellblau pflastert, und dabei auch noch unterschiedliche Hindernisse in den Weg legt. Es wird schwer genug werden, nach der Geburt ein Gegengewicht zu leben, Alternativen aufzuzeigen, und immer wieder zu sagen: „Es geht auch anders, das ist nur eine von vielen, vielen Möglichkeiten!“ Damit müssen wir nicht schon vorher beginnen.

¹: Nachtrag und Klärung des missverständlichen Begriffs „anatomisches Geschlecht“.

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„Hallo, Mama!“

Als ich heute auf Arbeit ankam, wurde ich mit einem hämischen herzlichen „Hallo, Mama!“ von der Kollegin im Nachbarbüro begrüßt. Sie hatte, wie viele andere hier, gestern von meiner Schwangerschaft erfahren und glaubte nun, besonders lustig* sein zu müssen.

Die Öffentlichkeit einer Schwangerschaft

Ich finde das aus mehreren Gründen problematisch. Zunächst einmal ist das eine der Kolleginnen, mit denen ich fast gar nichts zu tun habe. Wir stehen uns in keiner Weise nahe, was einen pseudo-freundschaftlich-neckenden Tonfall schon einmal unpassend erscheinen lässt.

Zum anderen ist eine Schwangerschaft eine private Angelegenheit, über die niemand zu urteilen hat. Keine Chef*innen – aber eben auch keine Kolleg*innen. Denn mein Privatleben hat in meiner Arbeitswelt nichts verloren. Zwar bin ich tatsächlich gezwungen, meine Schwangerschaft an meiner Arbeitsstelle zu verkünden, weil sich hier privates und berufliches kurzzeitig berühren – ansonsten haben die lieben Kolleg*innen aber meine Privatsphäre zu achten.

Hätte ich statt „Ich bin schwanger“ „Ich bin lesbisch“ gesagt, hätte sie mich mit „Hallo, Lesbe!“ begrüßt?

Arbeits-Schimpfwort „Mama“

Ich habe schon ein Mal erlebt, wie „Mama“ als Schimpfwort an der Arbeitsstelle verwendet wurde. Meine damalige Chefin bewies ihr soziales Fingerspitzengefühl, indem sie ihren Mitarbeiter*innen „lustige“, sprich abwertende Spitznamen gab. Ich bekam netterweise „Nerdy“. Die aus der (recht kurzen) Elternzeit zurückkehrende Kollegin wollte sie allen Ernstes „Mama“ nennen. (Sie selbst war natürlich „Chef“.) Ein aufmerksamer Kollege mit einer großen Portion Sozialkompetenz verhinderte das, denn ich war zu entsetzt, um zu reagieren.

Die Reduktion einer Person auf ihre Rolle als Mutter, insbesondere am Arbeitsplatz, kommt einer Beleidigung gleich. Stereotyp-mütterliche Kompetenzen sind im Berufsleben nicht gefragt. Dass das fortwährende Reduzieren auf diese fest umschriebene, stereotype Rolle bereits jetzt anfängt, erschreckt mich.

Als freundliche Reaktion auf ihre freundliche Spitze zeigte ich der Kollegin freundlich meinen Mittelfinger.

*) Da Satire nicht nach unten, sondern nach oben tritt, sind lustige Abwertungen natürlich nicht lustig, auch, wenn sie lustig gemeint sind. Sie sind Abwertungen.