Warum ich (wahrscheinlich) ein Bauchband tragen werde, die Werbung dazu aber Schrott ist

Was ist ein Bauchband?

Bei einem Bauchband, „Belly Band“, „Belly Wrap“ oder einer Bauchbinde handelt es sich um ein Kleidungsstück, das den Bauch zusammendrückt. Dabei wird das lockere Gewebe des postpartalen Bauches komprimiert, er wirkt dadurch weniger schlaff, die gedehnten Muskeln werden gestützt und die Rückbildung wird beschleunigt. Das Bauchband wird unter der Kleidung getragen, tagsüber, bis zu 18 Stunden täglich. Postpartale Bauchbänder sind aus Asien bekannt. Im europäischen Raum werden Korsetts und Bauchbänder therapeutisch gegen Rückenschmerzen und Haltungsschäden genutzt.

Leider ist mir ist bei meiner Recherche keine wissenschaftliche Studie untergekommen, die den Nutzen von Bauchbändern objektiv untersucht. Die Ausführungen und Informationen unten basieren daher auf anekdotischen Berichten von Einzelpersonen oder deren mehr oder weniger unvoreingenommenen Überlegungen. Am nächsten an eine objektive Einschätzung der Fakten kommt dieser Artikel von Alphamom heran.

Und alles für die Normschönheit?

Ich habe heute Morgen gehört, dass Bauchbänder vor allem unter ästhetischen Gesichtspunkten vermarktet werden. Leider hat meine Recherche das bestätigt. „Verlier‘ deinen Babybauch schneller!“, „Finde zurück zu deiner alten Form!“, „Abnehmen mit dem Bauchband!“. So oder so ähnlich lauten die Slogans.

Wenig überraschend finde ich diese Marktingmasche absolut uncool. Bodyshaming und Fatshaming sind nie in Ordnung, immer hinderlich, im medizinischen Kontext sogar grob fahrlässig und gehören unterlassen. Insbesondere nach einer Schwangerschaft, die immer eine körperliche Veränderung irgendeiner Form mit sich bringt. Insofern finde ich es sehr problematisch, Bauchbänder unter diesem Aspekt zu vermarkten. Als ob Menschen, die gerade ein Kind geboren haben, daran erinnert werden müssten, dass ihr Körper jetzt anders ist als vor der Geburt. Ja, mach Sachen – natürlich ist er das!

So wird ein Bauchgurt auf windeln.de beworben. Schade.

So wird ein Bauchgurt auf windeln.de beworben. Schade.

Was also definitiv nicht ok ist, ist die gesellschaftliche und mediale Stigmatisierung von nicht normschönen Körpern, auch nach einer Schwangerschaft. Andererseits geht es für mich in Ordnung, wenn eine Person die Entscheidung trifft, sich selbst auf die eine oder andere Art schön zu finden und in Richtung ihres Ideals arbeitet. Dabei will ich aber keinesfalls leugnen, dass gesellschaftlich-medialer Druck einiges dafür tut, dieses vermeintlich persönliche Idealbild schön nah in Richtung Normschönheit zu rücken. (Dieser Artikel beleuchtet das zum Beispiel toll.) Aber kommen wir wirklich weiter, wenn wir ein Individuum für seine Entscheidung für eine Anpassung an ein normschönes Ideal beschämen? Wir alle müssen immerhin in dieser unvollkommenen Gesellschaft leben, und es bedarf einiges an Kraft und Entschlossenheit, sich gesellschaftlichem Druck zu widersetzen. Nicht jede*r hat dazu ununterbrochen die Kraft.

Darum ist es für mich auch in Ordnung, wenn ein Bauchband einigen Menschen dabei hilft, ihren nachschwangerschaftlichen Körper schneller wieder für sich anzunehmen. Und das schließt auch eher funktionale Aspekte ein. Durch die Entlastung der durch die Schwangerschaft strapazierten Muskeln in Bauch und Rücken kann es mit einem Bauchband schneller möglich sein, Sport zu treiben oder insgesamt aktiv zu sein, was für viele Menschen eine deutliche Steigerung der Lebensqualität bedeutet.

Medizinische und gesundheitliche Aspekte

Aber es gibt noch ganz andere Faktoren, die für eine zumindest kurzfristige Benutzung eines Bauchbandes sprechen. Einige Quellen empfehlen generell die Stützung der Organe in der ersten Zeit. Nach einem Kaiserschnitt kann die Kompression beispielsweise Schwellungen reduzieren und die durchtrennten Faszien entlasten, was wiederum zu weniger Schmerzen führt. Auch bei einer Rektusdiastase, dem starken Auseinanderklaffen der geraden Bauchmuskeln, kann eine Kompression zumindest in der ersten Zeit förderlich sein. Später wird empfohlen, Rückbildungsgymnastik und spezielle Übungen zur Stärkung der queren Bauchmuskeln zu machen.

Es ist aber auch wichtig zu erwähnen, dass eine übermäßig starke Kompression zu einer Verschlechterung von Inkontinenz führen kann und zu einer Schwächung der Rückenmuskulatur. Übertreiben sollte man es also auf keinen Fall mit der Kompression.

Meine Gründe für ein Bauchband

Ich habe mich inzwischen dafür entschieden, ein Bauchband auszuprobieren. Ich muss natürlich sehen, wie es mir damit geht, ob ich damit klar komme und ob ich den subjektiven Eindruck habe, dass es mir hilft. Einer der Gründe dafür ist, dass meine Rektusdiastase inzwischen deutlich wahrnehmbar ist und ich hoffe, dass sie sich durch das Bauchband und gezielte Übungen schnell zurückbildet.

Und ja, ich hoffe auch, dass das Gefühl von in mir rumschwappenden Organen dadurch weniger stark und irritierend ist und auch, dass sich mein Bauch schneller wieder wie mein Bauch anfühlt. Ich erwarte keine Wunder in zwei Wochen, ich erhoffe mir nicht den Flachbauch irgendwelcher Promis. Ich will einfach, dass sich mein Körper wieder mehr nach mir anfühlt. Und nicht zuletzt möchte ich mich endlich wieder bewegen können und schneller wieder Sport machen können. Ich hoffe, dass mir das Bauchband auch dabei ein wenig helfen kann.

tl;dr

Leider werden Bauchbänder vor allem unter dem Aspekt des „zurück zum Vor-Schwangerschafts-Körper“ beworben, obwohl es mindestens Hinweise auf medizinischen Vorteile gibt. Außerdem ist Bodyshaming Mist, trotzdem kann nicht von jeder Person die Kraft verlangt werden, sich gegen gesellschaftliche Normen zu stemmen.

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Ein Gedanke zu “Warum ich (wahrscheinlich) ein Bauchband tragen werde, die Werbung dazu aber Schrott ist

  1. Lisa schreibt:

    Buchempfehlung bezgl. Rektusdiastase: Angela Heller, Nach der Geburt – Wochenbett und Rückbildung

    (Fernleihe über Universitätsverbund möglich)

    Alles Gute weiterhin, der Endspurt dürfte ja näher kommen 🙂

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