„Isst du auch genug?“ Body Policing in der Schwangerschaft

[Content Note: Erwähnung von Essstörungen, Thematisierung von Körpergewicht.]

Selten wurden mir so viele ungefragte Ratschläge aufs Auge gedrückt wie seit Beginn meiner Schwangerschaft. Das beginnt im privaten Umfeld, setzt sich an meinem Arbeitsplatz fort und reicht – wie wäre es anders zu erwarten – bis in die Medien hinein.

Dazu gehört auch dieser unglückliche Artikel der Emma, die sich in den letzten Jahren ohnehin nicht eben mit Ruhm bekleckert hat und für viele Feministinnen inzwischen ein rotes Tuch ist.

In diesem Artikel, der gleich in der Einleitung einen ableistische Vergleich zieht, der alleine schon ausreicht, awaren Menschen die Galle hochsteigen zu lassen, versucht die Autorin krampfhaft, sich als Kämpferin gegen Fatshaming zu positionieren. Das ist sicher ein hehres Ziel, und gegen Fatshaming sollte ohnehin mehr getan werden. Leider fällt aber in der Darstellung der Emma einiges unter den Tisch: Zum Beispiel die Schwangeren, die es sich nicht ausgesucht haben, in der Schwangerschaft abzunehmen, etwa, weil sie unter Hyperemesis Gravidarum leiden oder plötzlich eine Vielzahl von Nahrungsmittelaversionen haben. Dazu zählen Schwangere, die von Essstörungen betroffen sind und für die jedes Kilo, das sie zunehmen, härter erkämpft ist, als man sich das gemeinhin vorstellen kann. Und das sind nur die häufigsten Ursachen, warum eine Person in der Schwangerschaft nicht ganz so viel zunimmt, wie sie es vielleicht auf dem Papier sollte.

Schwangere unter Generalverdacht

Dass die überwältigende Mehrheit der Schwangeren ihrem Kind Gutes will, sollte klar sein. Dass das für jede Person anders aussieht und dass es nicht für alle bedeuten kann, sich ganz entspannt in die Rolle der „glücklichen Schwangeren“ hineinzulegen (vielleicht auch, weil diese Rolle nicht so recht für sie gemacht ist), sollte verständlich sein. Es gibt Menschen, die hadern mit ihrer Schwangerschaft, und das, obwohl sie sie herbeigesehnt haben. Schwangerschaft bedeutet auch immer ein gewisses Maß an Risiko, an Kontrollverlust. Und wenn jemand für sich entscheidet, statt 16 nur 12 Kilo zuzunehmen – ist das dann fahrlässig? Oder freie Entscheidung? Die Entscheidungen prominenter Frauen werden in dem Artikel harsch kritisiert, und das, obgleich sie sicher nicht im luftleeren Raum oder allein aus Eitelkeit getroffen werden. Die Geflechte sind komplexer, als sie dargestellt werden, und jede Vereinfachung schadet.

Der Artikel ist in seinem Tenor klar: Wer nicht dazu in der Lage ist, sich dem Kontrollverlust hinzugeben, gefährdet potenziell sein Kind.

Deutlich weniger hetzend und zudem noch fundierter ist hier der Artikel von Lara Fritzsche (aus dem auch noch einige, sagen wir mal, nicht markierte Zitate entnommen sind). Lara Fritzsche thematisiert den gesellschaftlichen Druck klarer, unter dem einige Schwangere stehen, und der krankheitsauslösend für Pregorexie sein kann. Und obwohl auch ihr Artikel nicht frei von polemischen Überspitzungen ist, schafft sie es doch, den Bogen nicht zu überspannen und der Sachlichkeit genügend Raum zu geben.

Die Emma tut mir ihrem Artikel schwangeren Menschen keinen Gefallen. Als würde einer*einem in die eigene Schwangerschaft nicht schon genug hereingeredet, fügt sie dem Body Policing eine weitere Dimension hinzu, die es meiner Meinung nach nicht gebraucht hätte. Anstatt sachlich auf die Problematik, die gesellschaftlichen Umstände, die Sorgen und Ängste Betroffener aufmerksam zu machen, die Ursache von Essstörungen sind, verliert sie sich darin, diejenigen Menschen zu beschämen, die wahrscheinlich nicht einmal etwas dafür können, dass sie in der Schwangerschaft nicht „schnell genug“ zunehmen.

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4 Gedanken zu “„Isst du auch genug?“ Body Policing in der Schwangerschaft

  1. Frida Mercury schreibt:

    Egal wie man es macht (oder es passiert) man kriegt aufs Maul – von der Familie, dem Umfeld, ja sogar von (fast) Fremden. Traurig, unverständlich und auch oft grob beleidigend. Ab dem Zeitpunkt des erfolgreich bepinkelten Tests scheint man Allgemeingut geworden zu sein…

  2. Malaika Bunzenthal (@Mali_2) schreibt:

    Danke für den Blogpost und fürs ausformulieren so mancher Gedanken.

    Es ist halt generell für Menschen mit Essstörungen schwer, wenn sie für ihre Erkrankung noch geshamed werden. Die Einstellung der EMMA „Schwangere mit Essstörungen sind furchtbare Mütter* und überhaupt wer eine ES hat, soll halt einfach damit aufhören“ ist massiv ableistisch und gefährlich in erster Linie natürlich für schwangere Betroffene aber in zweiter Linie natürlich für alle Menschen mit ES. (Im Zweifelsfall führt shaming ja sowieso nur dazu, dass man ggf auf altbewährte Copingmechanismen zurück greift..).

  3. sofakante schreibt:

    Ätzend.
    Bei mir ist die Lage quasi anders herum. Meine Ärzt*innen und ich wissen nicht, warum ich 17 kg abgenommen habe bisher (bin im 6. Monat), aber weil ich vorher schon „zu viel“ gewogen habe, sagen mir die meisten Menschen nur: „Ist doch super, freu dich doch, dann bist du die überflüssigen Pfunde schon los“ – dass das in der Schwangerschaft nicht das ist, was man* unbedingt möchte und dass ich eher ein schlechtes Gewissen deswegen habe und das Gefühl etwas falsch gemacht zu haben begreift irgendwie niemand. Ganz davon abgesehen, dass meine Ärzt*innen das nicht unbedingt super finden und ratlos davor stehen.
    Können diese Menschen nicht einfach Schwangere und generell alle Menschen einfach so sein lassen, wie sie sind?

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