Schwangerschaftsängste und Statistik

Mein 1. Trimester geht langsam zu Ende, und langsam mache ich mir weniger Sorgen darüber, ob ich die Schwangerschaft gut zu Ende bringen kann. Die statistische Wahrscheinlichkeit für eine Fehlgeburt ist erschreckend hoch: Je nach Studie liegt sie zwischen 10% und 25% für eine ärztlich bestätigte Schwangerschaft, rechnet man chemical pregnancies (einer dieser Begriffe, für die es keine deutschen Entsprechungen gibt: Es handelt sich dabei um eine sehr frühe Fehlgeburt nach einem positiven Schwangerschaftstest kurz nach Fälligkeit der Menstruation) noch hinzu, liegt sie bei gruseligen 50% bis 75%.

Ich gebe zu: Das ging nicht spurlos an mir vorbei. Ich hatte zeitweise  große Sorge, dass ich aus irgendwelchen diffusen Gründen doch nicht dazu „gemacht“ sein könnte, ein Kind durch die Schwangerschaft zu bringen. Meine Identität als irgendwo zwischen (stereotyp) feminin und maskulin changierende Cisfrau half da auch nicht besonders.

Gut gemeinte Ratschläge helfen dabei übrigens erstaunlicherweise: nicht. Aussagen wie „Mach dir keine Sorgen, wenn es passieren soll, passiert es, da kannst du nichts machen!“ sind Mist, zumindest für mich. Ich kann Sorgen nicht abstellen, und wer an sich dazu den richtigen Knopf gefunden hat: Glückwunsch – und Klappe zu. Anderen fällt das nicht so leicht, und es steht keinem Menschen zu, das bei anderen Menschen einzufordern oder zu beurteilen.

Meine Strategie war anders:

Daten, Daten und noch mehr Daten

Ich ging mit dem Stress um, wie ich es meistens tue: Indem ich genauere Daten und Statistiken recherchierte. Hilfreich fand ich zum Beispiel die Übersicht auf spacefem.com, die die Wahrscheinlichkeit für eine Fehlgeburt für jeden Tag ausgibt. Es half mir sehr, der Prozentzahl nach und nach beim Schrumpfen zuzuschauen. Noch ein bisschen genauer ist die Seite easybabylife.com, die für die gesammelten Statistiken noch die veränderten Wahrscheinlichkeiten ausgibt für Schwangerschaften, in denen der Herzschlag des Embryos bereits dokumentiert ist.

Noch ausführlicher und mit vielen interessanten verlinkten Studien unterfüttert ist die Seite Miscarriage Research. Hier habe ich mir zu so ziemlich jedem Risikofaktor, mit dem ich etwas anfangen konnte, mindestens die Zusammenfassungen der Studien durchgelesen. Viele aktuellere Studien berichten über geringere Risiken als die allgemein berichteten 10-25%, was ich sehr angenehm fand. Außerdem toll ist die Zusammenstellung der bisherigen Forschungsergebnissen dazu, was Fehlgeburten verursachen kann – und wie man nach aktuellem Forschungsstand vorbeugen kann. Allerdings muten einige Empfehlungen eher seltsam an („versuche, Morgenübelkeit zu haben“ oder „feel happy“).

Mir haben die vielen Daten und nicht zuletzt die kleinen Tweaks wirklich sehr geholfen. Ich hatte das Gefühl, nicht so sehr wartend der Situation ausgeliefert zu sein, sondern selbst aktiv etwas tun zu können. Und selbst, wenn ich damit die Wahrscheinlichkeiten nur minimal beeinflusst haben sollte, gibt mir das ein besseres Gefühl, als ahnungslos herumzusitzen – und zu warten.

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5 Gedanken zu “Schwangerschaftsängste und Statistik

  1. schnitzelherz schreibt:

    Ich gehöre zwar eher zur was-passiert-passiert-eben-Fraktion, aber als ich einen Ausschlag hatte , der verdächtig nach Ringelröteln aussah, als Erzieherin genau wegen der fehlenden Immunität im Berufsverbot, und auch noch ein Kind im Umfeld Verdacht auf Ringelröteln hatte, konnte ich mich auch gut mit Recherche beruhigen, bis ich Gewissheit hatte, kann Ihre Methode also gut nachvollziehen.
    Ansonsten finde ich, gehört es sich nicht, anderen Schwangeren in ihren Umgang mit Ängsten und der Schwangerschaft an sich reinzureden, es sei denn man wird um Rat gebeten. Genausowenig wie Sprüche wie:“ Stell dich nicht so an, du bist Schwanger und nicht krank.“ Dafür ist die Bandbreite, wie Psyche und Körper jeder Frau auf eine Schwangerschaft reagieren, einfach zu groß.

    • TQ schreibt:

      Ja, ich denke auch, jede*r findet einen eigenen Umgang mit Ängsten und Sorgen, und was einem Menschen hilft, kann für jemand anderes der schlechteste Rat überhaupt sein.
      Ungebetene Ratschläge scheinen, besonders beim Thema Schwangerschaft, recht häufig gegeben zu werden. Ich habe auch schon einige Ratschläge kassiert, bei denen ich mich sehr wundern musste. Das reicht von gut gemeinten Tipps, wie man um Schwangerschaftsklamotten herumkommen kann, über Ernährungs-Policing bis hin zu der Aussage meiner Ex-Frauenärztin, ich solle während der Schwangerschaft nicht so viel zunehmen (was ich bisher überhaupt nicht getan habe, aber die Frau war eh ein sehr spezieller Fall). Gerade gestern haben wir auf Twitter das Thema ungebetene Ratschläge diskutiert, und es scheint gar nicht so einfach zu sein, den schmalen Grat zwischen „gut gemeint“ und „schlecht gemacht“ zu bemerken.
      Ich hoffe immer noch (irrationalerweise) auf möglichst wenig Ratschläge in meiner näheren Zukunft. 😉

  2. Sue schreibt:

    … man spricht im deutschen übrigens von „biochemischen Schwangerschaften“ (chemical pregnancies).

    Sue

    • TQ schreibt:

      Ah, danke. Das konnte mir keine der befragten Übersetzungswebsites sagen, und auch Wikipedia schwieg sich aus.

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