„Magst du etwa keine Kinder!?“

Nein, ich mag Kinder nicht besonders. Als Frau, besonders als Hetero- und Cis-Frau, ist das etwas, was oft nicht verstanden wird, wofür ich Kritik ernte oder wofür ich mich rechtfertigen muss. Und es ist ein Detail, von dem aus gern Rückschlüsse darauf gezogen wurden, ob und wann ich mich fortpflanzen wollen würde.

Ich empfinde es als merkwürdig, wie gerade in diesem Punkt bei Männern* und Frauen* zweierlei Maß angelegt werden: Von Frauen*, insbesondere von Hetero-Cis-Frauen, wird als Default erwartet wird, dass sie Kinder total dufte finden, sich darum reißen, sie zu halten und zu bespaßen. Denn sie müssen ja üben. Für das eigene Kind.

Familienfragen…

Fast immer, wenn ich von diesem Default abwich, dankend ablehnte, einen Säugling zu halten, weil ich entweder nicht vollgespuckt werden wollte oder mich damit einfach nicht wohl fühlte, kam schnell die Frage „Magst du etwa keine Kinder? Willst du später denn keine eigenen haben?“ Oft stellten diese Frage weibliche Verwandte, und sie hatte immer etwas suggestives: „Da, nimm jetzt das Kind, du musst üben, denn das erwarten wir von dir.“ Antwortete ich einmal mit: „Das weiß ich nicht“ oder „Vielleicht, vielleicht auch nicht“, wurde schnell ein „Aber Kinder sind doch das Schönste/Größte/Tollste auf der Welt!“ nachgeschoben, um den Druck noch ein wenig zu erhöhen.

So etwas habe ich bei meinen Partnern nie beobachtet. Ich vermute, es gibt gegenüber Männern*, insbesondere Hetero-Cis-Männern, keine derartigen Erwartungen. Und, was ich noch interessanter finde: Es wird aus ihrem Verhalten gegenüber Kindern nach meiner Beobachtung wenn überhaupt nur höchst selten ein Rückschluss darauf gezogen, ob jemand irgendwann selbst Kinder haben möchte oder nicht. Der Default scheint zu sein: „Männer* interessieren sich nicht für Kinder.“ Nur manchmal, wenn mein Partner von seinem Default sich explizit für Kinder interessierte, sie herumtrug oder mit ihnen spielte, manchmal kam dann ein Kommentar: „Übst du schon…?“

Ich finde es schade, dass Menschen das Abhanden- oder Vorhandensein von Interesse an Kindern, zumindest implizit, so unterschiedlich beurteilen.

… und was daraus geschlussfolgert wird

Ich finde es immer irritierend, auf mein „Ich bin schwanger“ ein „Ich dachte, du willst keine Kinder“ zu hören. Von Menschen, mit denen ich darüber niemals gesprochen habe, die mich vielleicht sogar nur oberflächlich oder seit kurzer Zeit kennen. Mich hat es sehr überrascht, wie viele Menschen mit Unglauben reagierten. Inzwischen kann ich mir das ein wenig erklären: Diese Menschen gingen offenbar davon aus, dass Frauen, die selbst irgendwann Kinder bekommen wollen, sich vorher auch besonders kinderlieb verhalten müssen. Und wenn sie sich nicht erwartungskonform verhalten, musste das für sie im Umkehrschluss dazu heißen, dass diese Frauen keine Kinder wollen.

Ich finde es sehr schade, dass dabei offenbar vergessen wird, dass Menschen auch andere Lebensentwürfe haben könnten. Lebensentwürfe, die eventuell nicht bedeuten, mehrere Jahre allein zu Hause das Kind zu hüten, damit der Vater und Ernährer™ in Ruhe arbeiten gehen kann. Die eventuell beinhalten, dass sich di*er Partner*in mehr über das Kind freuen könnte, als ich, nur, weil ich es austrage. Die eventuell heißen, dass Aufgaben anders verteilt werden, als sie es damals in der Schule noch gelernt haben.

Auch deshalb ist es höchste Zeit, dass Menschen lernen, dass es neben „Mama bleibt zu Hause, Papa geht arbeiten“ noch viele weitere, bunte Lebensentwürfe gibt. Mit und ohne Kinder.

[Editiert am 24.03.2015: Link zum Artikel „trans*parent – trans* und Elternschaft“ ergänzt.]

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12 Gedanken zu “„Magst du etwa keine Kinder!?“

  1. Jade schreibt:

    Danke, Danke, Danke für deinen tollen Beitrag. Du sprichst mir aus der Seele!
    Ich habe über die Jahre hinweg Strategien entwickeln müssen um bei diesen „Kinder-Vorstellunsrunden“ bei denen alle Frauen (ich stimme zu, bei Männern ist das tatsächlich nicht so) das Kind unbedingt auf den Arm nehmen müssen, nicht jedes Mal negativ aufzufallen. Oft reicht es ein gesellschaftlich anerkanntes Grinsen „festzutackern“ und etwas wie „nett“ zu sagen (und sich zu denken das nett eben die kleine Schwester von sch* ist). Zu mehr Heuchelei bin ich aber dann auch nicht fähig. Nur für einen ausgewählten Kreis an Menschen habe ich auf die eingangsfrage „Magst du etwa keine Kinder?“ mit der einzig ehrlichen Antwort, nämlich „Nein, mag ich nicht“, geantwortet. Bei diesen Menschen mache ich mir dann auch die Mühe des „wieso, weshalb, warum“ zu erklären – eigentlich schlimm genug, dass ich meine, ganz persönliche, Abweichung von der geforderten Norm erkären muss – und auf einmal ist das Thema dann verstanden und die Diskussion durch. Dann werde ich auch nicht mehr gefragt.
    Dennoch entfäht mir beim Gedanken an diese Diskussionen ein kleiner Seufzer. Es bleibt es eine Sisyphusarbeit Leuten zu erklären, dass es eben auch Menschen mit anderen Lebensmodellen und Interessen gibt und das Frauen, entgegen anderslautenden Gerüchten, nicht die Sklavin ihrer Biologie sind, sondern sich auch ganz bewusst für das Gegenteil entscheiden können.

  2. commel schreibt:

    Warum verlinkst du bei „Mama bleibt zu hause und Papa geht arbeiten“ als Alternative nur schwule-lesbische Lebensentwürfe? Als ob es bei einem heterosexuellem Paar nur diese eine Möglichkeit zur Gleichberechtigten Kindersorge gäbe.

    Ansonsten kann ich deinem Artikel nur beipflichten, es geht die anderen Leute (die zumeist aus weiter bekanntenferne ungefragt Kommentare abgeben) schlichtweg nichts an. Die Frage gegenüber der Männer und dem Kinderwusch ist glaube ich einfach eine Generationsfrage. In meiner Generation (Jahrgang 1980) ist das unter Männern durchaus ein normales Thema.

    • TQ schreibt:

      Ich verlinke schwul-lesbische Lebensentwürfe, weil ich finde, dass ich schon ausreichend die heteronormative Sicht in meinem Blog breittrete und ruhig auch mal andere Stimmen zu Wort kommen lassen kann. Ich empfinde das als wichtig, siehe Über.
      In meiner Generation (’79) ist das Männern gegenüber keine „normale“ Frage. Nicht in dem Maße, in dem es für Frauen eine „normale“ Frage ist. Ich glaube nicht, dass wir von denselben relativen oder absoluten Häufigkeiten sprechen.

      • commel schreibt:

        Danke für deine Antwort. In meinen „Kreisen“ ist es durchaus normal, spricht vielleicht für eine divergente Verteilung von gelebter Gleichberechtigung. Hatte andererseits aber auch nicht den Eindruck, dass unsere Gesellschaft gesamtheitlich schon so weit ist. Aber daran arbeitet man ja 😀

      • TQ schreibt:

        Tja, was meine enge Filterbubble angeht, stimme ich dir zu. Aber die ist die überaus aware Speerspitze einer hoffentlich irgendwann gesamtgesellschaftlichen Veränderung… Weder in meinem familiären Umfeld noch an meinem Arbeitsplatz dominieren fortschrittliche Einstellungen. Und gerade aus meinem familiären Umfeld kamen die übergriffigsten Kommentare.

  3. Hollarius schreibt:

    Wie heftig da die Norm wirkt. Bis auf wenige Ausnahmen kann ich mich kaum daran erinnern, dass mir, da männlich, Babys aufgedrängt wurden. Ungefragt schon gar nicht. Dabei habe ich da wenig Probleme mit. Eher habe ich das Gefühl, dass Männer kritisch beäugt werden, wenn sie sich freiwillig mit Kindern beschäftigen. Beides irgendwie Zeichen dafür, dass in dieser Gesellschaft eine Menge kaputt ist.
    Toller Blog, btw.

    • TQ schreibt:

      Ja… Die Erfahrungen, die männlich oder weiblich gelesene Menschen machen, unterscheiden sich da deutlich, und besonders denen, die von sich aus nicht der Norm entsprechen, fällt es auf. Der Rest schwimmt so mit, hinterfragt nicht, spielt das Spielchen nach den Regeln der „Mehrheit“.
      Dankeschön! 🙂

  4. FemMum schreibt:

    Ein schönes Beispiel, wie man mit unterschiedlicher Grundeinstellung trotzdem im gleichen Boot sitzen kann! Ich mag nämlich Kinder generell, aber habe das vor meiner Schwangerschaft nicht öffentlich gezeigt wegen der schon genannten Reaktionen. Eigentlich schade, denn sonst hätte ich vermutlich mehr (hoffentlich auch negative) Infos über eigene Kinder, weniger „War das denn wirklich geplant?“-Kommentare während meiner Schwangerschaft und noch ein paar hübsche Momente gehabt.

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