Schwanger werden: Science to the Rescue!

Ich begann irgendwann Anfang 2014, mich zaghaft in das Thema Schwangerschaft einzulesen. Zaghaft deshalb, weil ich bei der Recherche insbesondere im deutschsprachigen Raum  unweigerlich auf das stieß, was ich als „rosa-Blümchen-Küken-Heititei“ bezeichnen möchte. Die Unmenge deutschsprachiger Seiten zu dem Thema zeichneten sich aber nicht allein durch geschmacklose Farbgebung und ein Design aus, über das sich Webseitenklemptner*innen 1996 schon nicht mehr gefreut hätte, sondern auch durch auf den ersten Blick äußerst krude Diskussionen.

Ich bin Wissenschaftlerin. Und als Wissenschaftlerin finde ich nicht nur mein eigenes Fachgebiet spannend, sondern grundsätzlich alle Wissenschaften. Daher war ich sehr entzückt, als ich feststellte: Wenn ich den deutschsprachigen Raum verlasse, gibt es zum Thema Schwangerschaft tatsächlich einen Haufen Forschung! Daten! \o/

Allerdings nicht im deutschsprachigen Internet, denn hier ist Schwangerschaft aufgeladen mit Stereotypen von glücklichen Stay-at-home-Moms, die zwei Jahre lang stillen und auch nach der voll genommenen Elternzeit nicht in ihren Beruf zurückkehren. Denn Kinder sind ja Glück!
Ich seufze.

Achja, das „deutsche Internet„.

Wissenschaft, hilf mir!

Aber zum Glück besteht das Internet ja nicht nur aus deutschsprachigen Seiten. Und so fand ich einige erfrischend feministische, wissenschaftlich fundierte Webseiten und Blogs, die Infos zum Schwangerwerden und Schwangersein boten. Ohne rosa. Ohne Heititei. Ohne Stereotype.

Und die brauchte ich. Denn schwanger werden wird spätestens ab dem 35. Lebensjahr schwieriger. Liegt die Chance für eine erfolgreiche Befruchtung und Implantation im Uterus in den fruchtbarsten Jahren bei idealem Sex-Timing schon bei nur rund 20%, sinkt diese Chance mit zunehmendem Lebensalter der Beteiligten. Und zwar nicht nur der Uterusträger*in.

Mit Mitte 30 liegt die Chance, schwanger zu werden, pro Zyklus bei gerade einmal 10%. Und sie sinkt rapide weiter. Jetzt noch eben schnell mal schwanger zu werden, dazu muss ganz plötzlich alles stimmen.

Mythen über den weiblichen* Zyklus

Der erste Schritt ist meiner Meinung nach, den eigenen Zyklus genau kennen zu lernen. Denn das, das wir im Aufklärungsunterricht über den weiblichen* Zyklus gelernt haben, ist meist eine krude Vereinfachung der Tatsachen. Der sogenannte „normale“ Zyklus, der 28 Tage dauert und in dessen Mitte (wie praktisch!) der Eisprung statt findet, ist für viele Uterusmenschen nicht die Realität. Und sobald der Zyklus länger oder kürzer dauert, stellt sich die Frage: Wann springt nun das Ei? Denn diese Frage beantwortet auch die Frage nach den fruchtbaren Tagen im Zyklus.

Long story short: Der Eisprung findet so ungefähr 14 Tage vor Beginn der Menstruation statt. Dabei handelt es sich aber nur um einen Richtwert, denn viele Uterusmenschen haben eine Lutealphase (auch Gelbkörperphase oder zweite Zyklushälfte), die davon abweicht. So ist das mit der Statistik eben: Für viele stimmt der statistische Mittelwert. Und für viele nicht.

Temperatur. und Schleim.

Beispiel einer Basaltemperaturkurve bei fertilityfriend.com

Da hilft es also, zu wissen, wie der eigene Zyklus so aussieht, wann der eigene Eisprung im Zyklus statt findet und wie man das erkennen kann. Hierfür bietet sich die Methode der Basaltemperaturmessung und Schleimbeobachtung an. Mit Hilfe der Basaltemperatur, also der Körpertemperatur direkt nach dem Aufwachen, lässt sich der Tag des Eisprungs feststellen, weil durch die hormonelle Veränderungen durch den Eisprung die Temperatur um einige Zehntelgrade ansteigt. Der Cervixschleim hilft ebenfalls: Ist er klar wie Eiweiß und zieht Fäden, steht der Eisprung kurz bevor oder findet gerade statt.

Erweiterte Auswertung bei fertilityfriend.com

Ich habe diese Symptome protokolliert, in mehreren Webanwendungen und in meiner normalen Menstruationstracking-App OvuView (die ohnehin ganz toll ist und die ich jedem Uterusmenschen ans Herz legen will!). Die beiden mit Abstand besten Webapps sind meiner Meinung nach das BBT-Chart-Tool von countdown to pregnancy, sowie die Seite fertilityfriend. Beide bieten die Möglichkeit, neben Basaltemperatur und Schleim auszuwerten auch weitere Symptome zu tracken. Und beide erlauben es, die individuellen Symptome, die möglicherweise Hinweise auf eine bestehende frühe Schwangerschaft geben, hinterher mit den Symptomen schwangerer Menschen zu vergleichen, deren Daten in der Datenbank schlummern.

Wahrscheinlichkeit für das Symptom "milde Krämpfe / Druckgefühl im Bauch" von countdown to pregnancy

Wahrscheinlichkeit für das Symptom „milde Krämpfe / Druckgefühl im Bauch“ von countdown to pregnancy

Fertilityfriend ist dabei die weitaus hässlichere, aber viel, viel mächtigere Seite. Und: Premiumfeatures wie die Berechnung der relativen Wahrscheinlichkeit, schwanger zu sein, kosten nach 30 Tagen Geld.

Countdown to pregnancy ermöglicht ebenfalls einen Vergleich der eigenen Symptome mit denen anderer Uterusmenschen, allerdings weniger ausgefeilt und nicht in Kombination miteinander. Dafür erfreut die übersichtliche grafische Darstellung der berichteten Symptome. Oh, und die Nutzung der Seite ist kostenlos.

Schwangerschaftstests interpretieren als Communityarbeit

Countdown to pregnancy bietet noch einige weitere sehr coole Tools an: Es gibt einen (statistisch fundierten) Ratgeber, wann welche Schwangerschaftstest-Marke (leider v.a. US-Marken) wie sichere Ergebnisse liefert, und wenn der Schwangerschaftstest besonders unklar ausfällt, hilft die Community bei der Ergebnisinterpretation. Denn die Interpretation von Schwangerschaftstests ist sehr viel schwieriger, als man gemeinhin so glauben könnte. „Schwangerschaftsorakel“ wäre meiner Meinung nach in den meisten Fällen eine treffendere Bezeichnung, insbesondere bei den blauen Tests (die in der Community auch keinen besonders guten Ruf haben).

Ich hätte mich gern eine längere Zeit mit meiner Basaltemperatur beschäftigt – aber leider habe ich meinen Zyklus nur einen Monat lang ordentlich und penibel aufgeschrieben. Denn nach diesem Monat war ich schwanger. 😉

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2 Gedanken zu “Schwanger werden: Science to the Rescue!

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