Wie ich trotz unserer anachronistischen Gesellschaft doch noch Schwanger wurde

Ich bin 35. Ich bin kinderlos. Ich bin Akademikerin, schreibe meine Dissertation, arbeite seit über 5 Jahren in der Forschung.

Und jetzt neu: Ich bin schwanger.

Schwanger werden? In dieser Gesellschaft?

Ich dachte, ich hätte ewig Zeit. Natürlich war mir klar, dass mich irgendwann die Zeit in Form der Menopause einholen würde, aber das erst mit 50. Oder noch später. Mir ist meine Arbeit, mein berufliches Vorankommen wichtig, und ein Kind gilt da als die ultimative Bremse. Für Väter weniger als für Mütter, versteht sich, denn in unserer ungleichen Welt gehen trotz finanzieller Anreize vom Staat Männer nicht nur wesentlich kürzer, sondern auch insgesamt seltener überhaupt in Elternzeit: 80% bleiben 2 Monate oder weniger zuhause. Im Umkehrschluss heißt das: Mütter bleiben zu 80% 10 Monate oder länger an Kind und Küche gebunden und können sich in der Zeit die Karriere an den Hut stecken. Während Papa die Benefits seiner karriereförderlichen Mini-Elternzeit einstreicht, bleibt Mama oft zu Hause und pfeift auf die Karriere – oder wird von der Karriere gepfiffen.

Ich habe das Glück, eine gleichberechtigte Beziehung führen zu dürfen. Geschlechtsstereotype spielen bei uns keine Rolle, im Gegenteil: Wir arbeiten beide daran, sie aktiv aufzulösen. Daher ist für uns auch klar: Wenn es sich einrichten lässt, werden wir uns die Elternzeit gerecht teilen, werden uns beide um das Kind kümmern. Aber das Kind austragen, das ist biologisch nur mir möglich.

Mein Körper, meine Entscheidung

Ich muss zugeben, die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen. Ich schätze es, Dinge unter Kontrolle zu haben, auch meinen Körper. Ich treibe gerne Sport, wenn auch nicht exzessiv, und ich habe gelernt, mich so zu akzeptieren, wie ich bin. Ich hatte – und habe – Angst vor dem Verlust der Kontrolle über meine Physis und zum Teil auch über meine Psyche in der Schwangerschaft. Das mag für andere trivial sein, für mich ist es das nicht. Ich hatte nie einen „naturlichen“ Bezug zu Schwangerschaft und Geburt: Freundinnen, die Kinder bekamen, entfremdeten sich schnell von mir, weil ich mit Kindern nicht viel anfangen konnte und nie zur „Oh-nein-ist-das-süß-gutzigutzigu!“-Fraktion gehörte. Ich bin ein rationaler Mensch.

Auf der anderen Seite gibt es auch rationale Gründe für ein Kind: Auch, wenn ich kleine Kinder nicht sonderlich mag, finde ich die Entwicklung von Kindern, gerade, wenn sie etwas älter sind, recht interessant. Ich finde auch den Gedanken schön, meine Gene und die meines Liebsten lustig zu kombinieren und daraus ein menschliches Leben zu züchten. Und mir gefällt die Vorstellung, dass dieses neue Leben ganz neu anfangen kann.

Und nicht zuletzt würde mich die Aussicht darauf, im Alter nicht mehr zu haben als nur meine Arbeit, traurig machen. Wie schon gesagt, meine Arbeit gehört zu mir, mir ist es wichtig, durch meine Arbeit einen relevanten Teil zur Gesellschaft beizutragen – aber irgendwann ist das rum.

Als mir klar wurde, dass mein Lebensentwurf implizit schon immer Kinder vorgesehen hatte, wurde es etwas einfacher. Für mich war wichtig, dass ich genug Zeit hatte, meine Entscheidung zu treffen. Ich habe mich von meinem Liebsten nie unter Druck gesetzt gefühlt, und ich glaube, nur so konnte ich mich letzten Endes für den Versuch, schwanger zu werden, entscheiden.

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3 Gedanken zu “Wie ich trotz unserer anachronistischen Gesellschaft doch noch Schwanger wurde

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